Es war Herbst und nicht gerade warm, und dennoch ließen es sich in den Winkeln rund ums Berchtesgadener Land mehr als 20 000 Touristen gut sein. Die hier im Tourismus geübten Ortsschulzen propagieren nicht nur die Nachsaison, sie pflegen sie auch. Sie denken nicht daran, die Blaskapellen in den Winterschlaf zu schicken. Sie sorgen für Ausflugschancen: Quer durchs Salzburger Land, Tagestouren an den Gardasee, viertägige Busreisen nach Venedig. Sie halten ihre Trachtentänzer und Heimatbühnen in Schwung, die Schnadahüpfl-Sänger und Spaßmacher bei Laune.

Auf der Kurhausbühne von Ruhpolding wetterte vor wenigen Tagen ein Conférencier im Trachtenjankl nach Kräften gegen die Kritiker, die diesen Mittelpunkt des Chiemgauer Fremdenverkehrs nicht immer gerecht beschrieben. Hier würde nicht nur gejodelt, hier kämen auch die Nichtjodler zu ihrem Recht. Recht hat er. Die Kurwirte von Ruhpolding und Umgebung haben sich längst zu der Ansicht durchgerungen, daß es gescheit ist, jeden ihrer vorwiegend norddeutschen Besucher nach eigener Fasson dahinkuren zu lassen. Das Folkloristische halten sie in der Hinterhand. Wer vom Gaudi goutieren will, soll die „Heimatabende“ besuchen.

Touropachef Dr. Walter Vogel bekannte in Ruhpolding, der Urzelle dieses Reiseunternehmens, daß in der vergangenen Sommersaison der seit Jahren auf Hochtouren laufende Schienentransport in Sonderzügen zum erstenmal geringe Rückschläge (rund 1,5 Prozent weniger als im Vorjahr) erlitten habe, die Charterfliegerei aber sensationelle Rekorde (nahezu 100 Prozent mehr) erlebte. Woran das liege? Von denen, die früher mit dem Zug fuhren, seien viele auf das Auto umgestiegen, und für die immer ferneren Ziele sei die Anreise mit dem Wagen zu lang, da nähmen eben immer mehr Gäste den Luftweg, viele zum erstenmal in ihrem Leben.

Seit die Touropa in Ruhpolding unter dem Rauschberg vor nun fünfzehn Jahren die heute „größte touristische Organisation“ in Gang brachte und Dr. Carl Degener sich dann im Oktober 1948 nach München aufmachte, um den neuen Reisebetrieb in der Isarmetropole zu etablieren, seither enthält jedes neue Touropa-Reiseheft vornean einen kräftigen Lobgesang auf das „sonnendurchflutete Tal, über dem der Rauschberg und das Sonntagshorn schützend ihre Gipfel erheben“. Und alle Jahre wieder zeigen sich die bayerischen Reiseunternehmer zwischen Heimatliebe und Fernweh verstrickt. Sie erwärmten sich und hunderttausend andere für Urlaubsspäße am eigenen Herd, konnten aber von ihrem immer erfolgreicheren Techtelmechtel mit Hochseeschiffen und Großflugzeugen nicht lassen. Diesen Konflikt erlebten auch die anderen nach und nach entstehenden Unternehmen dieser Art. Die Zahl der Auslandsreisenden wächst, die Chartermaschinen stoßen immer weiter in den Süden vor, die „Traumreise“ steht gut im Kurs.

Dr. Vogel mag das Wort „Traumreise“ nicht hören. Überhaupt beginnt er die so oft übers Ziel hinausschießende Reisewerbung auf eine stillere Ebene zu ziehen. Ihm gefällt die „Klassische Kreuzfahrt“. Außer den Kreuzfahrten mit dem jugoslawischen Schiff Jedinstvo hat die Touropa jetzt noch sieben andere Vertragsschiffe, die Touropa-Gäste aufnehmen und im östlichen Mittelmeer kreuzen bis hinein ins Schwarze Meer. Sie legen in Sotschi, Yalta und neuerdings auch Tiflis an. Neu sind die fünf großen Kreuzfahrten von Dezember bis März mit dem griechischen Schiff „Stella Solaris“ und etwas ganz Besonderes die neuntägigen Reisen auf der Motorjacht „Aleksa Santic“ mit 40 Passagieren durch die Inselwelt der jugoslawischen Adria. Sie beginnen allerdings erst am 2. Mai 1964.

Die Flugreisen versprechen den Winterbade-Strand. Etwa die Pauschalreise nach Haifa und Eilat am Roten Meer für 1182 Mark ab München (13 Tage Vollpension).

Österreich aber bleibt das bevorzugte Skiland. In der nahen Nachbarschaft wird das Salzburger Land mit Golling herausgehoben, „der älteste Touropaort auf österreichischem Boden“. In diese Nähe der Mozartstadt werden sowohl Skisportler wie Nichtsportier gelockt. Die Kurverwaltung stellt den Gesellschafsreisenden kostenlose Ausbildung im Skilauf und Eisstockschießen in Aufsicht. Sie hält Schlittenkutschen bereit, ebnet Rodelbahnen und unterhält enge Buskontakte mit den Theater- und Konzertsälen in Salzburg. Ein vierzehntägiger Aufenthalt mit Fahrt und Halbpension soll hier in diesem Jahr rund 240 Mark kosten (ab Hamburg, wer später zusteigt, zahlt weniger). Mit mehr als 9000 Quartierhäusern in fast allen Reiseländern des Kontinents ist die Touropa verbunden. E. H.