Von Joachim Joesten

Es gibt keinen Grund, die Sowjetunion anders zu behandeln als irgendeinen anderen Kunden auf dem Weltmarkt, der bereit und imstande ist, mit amerikanischen Kaufleuten privat ins Geschäft zu kommen.“ Das war der Kernsatz der großen Kennedy-Rede vom 10. Oktober, in der der Präsident dem Kongreß seinen Entschluß mitteilte, das große Weizengeschäft mit Rußland zu billigen.

Dieser Entschluß ist Kennedy gewiß nicht leichtgefallen; in der Washingtoner Regierung und in Kennedys engstem Beraterkreis ist vielmehr hart darum gerungen worden. Politische Erwägungen haben dabei neben wirtschaftlichen eine große Rolle gespielt. Denn schließlich sind die nächsten Präsidentschaftswahlen nicht mehr allzu weit entfernt.

Kennedy mußte damit rechnen, daß seine republikanischen Gegner die Billigung des Rußland-Geschäfts als einen neuen Beweis dafür auslegen würden, daß die gegenwärtige Regierung „soft on communism“, das heißt dem Kommunismus gegenüber zu weich sei. Das haben sie denn auch prompt getan. Senator Barry Goldwater (Arizona), der zur Zeit die größten Aussichten hat, republikanischer Präsidentschaftskandidat zu werden, erklärte sofort, daß die Regierung durch den Verkauf von Getreide an die Sowjetunion „unserem Feind im kalten Krieg aus einer selbstverschuldeten Klemme heraushilft“. Und Richard Nixon, der seit einigen Wochen wieder von sich reden macht, bezeichnete die Transaktion als „den schwersten außenpolitischen Mißgriff dieser Regierung“.

Nun hätten die Republikaner ja schon früher ihre großen Kanonen auffahren können; aber das haben sie wohlweislich nicht getan. Warum nicht? Weil ihnen in Wirklichkeit gar nicht daran gelegen sein kann, das Weizengeschäft zu Fall zu bringen, sondern nur, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Es ist nämlich eigenartigerweise so, daß gerade die republikanisch gesinnten Landstriche des Mittelwestens, besonders Kansas, die „goldene Kornkammer“, aus dem Verkauf von rund vier Millionen Tonnen Getreide im Werte von 250 Millionen Dollar den größten Nutzen ziehen werden. Ende dieses Jahres läuft nämlich das Preisstützungsprogramm aus, das den Bauern bisher einen Durchschnittserlös von zwei Dollar je Bushel verkauften Weizens zugesichert hatte. In diesem Preis, waren 55 Cents staatliche Subvention enthalten. Nach dem Wegfall dieser Staatshilfe müssen die amerikanischen Getreidefarmer damit rechnen, nächstes Jahr nur noch 1,25 bis 1,50 Dollar je Bushel zu bekommen.

Durch den Absatz des zur Diskussion stehenden Weizens würde der derzeitige Vorratsbestand so stark vermindert, daß mit einem Ansteigen der Preise ungefähr auf den Stand dieses Jahres zu rechnen wäre. Auf diese Weise würde sich der Fortfall der staatlichen Preisstützung jedenfalls im kritischen Wahljahr nicht auswirken. Tatsächlich haben die Getreidepreise schon seit Tagen kräftig angezogen, und eine weitere Entwicklung nach oben gilt, beinahe als sicher.