In Gärten, auf Vorstadtstraßen, auf Campingplätzen und Parkanlagen in Städten und auf dem Land sieht man heute alte und junge Leute behend und geschickt ein befiedertes weißes Ding sich mit Schlägern zuspielen. Leicht und vogelgleich fliegen die kleinen weißen Bälle mit ihrem Kranz von Federn durch die Luft, werden mit eleganten weißen Raketts aufgefangen und dem Partner wieder zugeprellt. Ohne Regeln gespielt, ist es eine hübsche Unterhaltung auf kleinstem Raum für groß und klein; nach internationalen Regeln gespielt wird es von Klubs unter dem Namen „Badminton“ als spannendes und abwechslungsreiches Turnier ausgetragen.

Darüber wird viel gerätselt und auch viel Unsachliches erzählt; so konnte man neulich in einer großen westdeutschen Illustrierten lesen, das Spiel stamme aus dem Reiche der Azteken. Das ist so leichtfertig behauptet, als wenn ein Indianer käme und sagte, das Jahnsche Turnen sei eine Erfindung der Eskimos. Herbert Günther stellt aber in seinem Buch „Um Ball und Tor“ (Brockhaus Leipzig 1955) die gänzlich undokumentierte und falsche Behauptung auf, Federball sei schon im deutschen Mittelalter auf Burgen und an Fürstenhäusern sowie später in Ballhäusern ausgeübt worden. Richtiger ist schon, was Siegfried Mendener in seinem spiel- und sportgeschichtlich interessanten und gut dokumentierten Werk „Das Ballspiel im Leben der Völker“ (Verlag Aschendorff, Münster) aussagt, daß sich nämlich Federball im 17. Jahrhundert wohl aus dem höfischen „jeu de paume“ (einem Vorläufer des Tennis) entwickelt habe. Leider stimmt auch das nicht ganz. Das Vergnügen mit der Federkugel ist noch etwas älter. Gerade deswegen ist es für die Badmintonfreunde interessant, ein wenig Historie zu betreiben und den Ursprüngen nachzugehen.

Das Spiel ist von vielen Fürstlichkeiten mit Leidenschaft betrieben worden. Zu den frühesten Nachrichten darüber gehören wohl die, daß der als Besieger der Eidgenossen berühmt gewordene französische König Franz I. (1495–1547) sich gern dem Coquantin hingab. Coquantin aber ist nichts anderes als das spätere „Jeu volant“ – das Federballspiel. Es wurde damals so benannt, weil man den kleinen Ball ursprünglich mit zwei Hahnenfedern, später mit einem Kranz von Elsterfedern besteckte.

Christine von Schweden war die berühmteste Federballspielerin ihrer Zeit. Die Tochter Gustav Adolfs (1626–1689), die bereits als sechsjähriges Kind auf den Thron kam, aber erst mit der Erreichung der Volljährigkeit, im Alter von 18 Jahren, die Regierungsgewalt wirklich selbst übernahm, war eine extravagante und vielseitig interessierte Frau, die viele Gelehrte an ihren Hof zog und damals für die junge protestantische Theologie ein großes Faible hatte. Sie berief kurz vor ihrem Thronverzicht und dem Übertritt zur katholischen Kirche (1652) noch den französischen Theologen Samuel Bochard nach Stockholm. Bochard hatte sich durch seine Sprachforschungen im Hebräischen, Syrischen, Chaldäischen, Arabischen und Amharischen einen bedeutenden Namen gemacht. Christine aber wollte mit Bochard nicht nur theologische und gelehrte Diskussionen führen, sondern sie forderte ihn auch auf, seine Perücke und den Mantel abzulegen, um sich mit ihr in einem Federballturnier zu messen. Nach anfänglichem Spötteln taten es Bochard bald auch die andern Höflinge gleich, und um die Mitte des 17. Jahrhunderts muß das Spiel an allen europäischen Höfen ein Vergnügen der Hofdamen gewesen sein, wie dies alte Kupferstiche beweisen. Es ist anzunehmen, daß man sich schon damals auch in Deutschland diesem Sport widmete, ahmten doch die deutschen Fürstlichkeiten alles nach, was in Frankreich en vogue gekommen war. Ein Jahrhundert später gab sich der preußische König Friedrich Wilhelm II. dem Federball hin, und die Erwähnung der Federkugel durch Friedrich Schiller im „Don Carlos“: „Einmal geschah’s bei unsern Spielen, daß der Königin von Böhmen, meiner Tante, ein Federball ins Auge flog“, dürfte nur die Abwandlung des in der Folge erzählten historischen Geschehnisses sein.

Der junge Friedrich Wilhelm stürmte eines Tages federballspielend ins Arbeitskabinett des Königs und landete einen Treffer auf dem Pult seines Großonkels. Friedrich II. begriff den jugendlichen Übermut und schleuderte das federnde Bällchen dem Knaben wieder zu. Aber der kleine Friedrich Wilhelm spickte es erneut dem König zu und der retournierte es wieder dem späteren Thronfolger. Als aber der Federball auf einem noch tintennassen Dokument landete und dieses verschmierte, steckte der König das störende Spielzeug in die Tasche und war nicht willens, das Ding des Unfugs wieder zurückzuerstatten. Umsonst bettelte der Urheber des Unheils um Herausgabe. Friedrich II. blieb standhaft, bis der Junge dem Großonkel imperativ die Frage stellte: „Gefällt es Ihnen, mein Volant (so wurden Federbälle damals genannt) zurückzugeben, antworten Sie kurz mit ja oder mit nein!“ Das machte solchen Eindruck auf den König, daß er nachgab: „Hier, ich sehe, daß du ein braver Bursche bist und dereinst Schlesien von Feinden Preußens nicht wieder nehmen lassen wirst!“

Also lange, ehe die Philanthropen wie Basedow in seinem „Elementarwerk“ (1774) mit Kupferstichen von Chodowiecki, Vieth in seiner „Enzyklopädie der Leibesübungen“ (1818) und Guths Muths in seinem klassischen Buch „Spiele zur Übung und Erholung des Geistes für die Jugend“ (1796) für den Federball eintraten, muß er in Deutschland und der Schweiz heimisch gewesen sein. Der dessauische Schuldirektor Vieth sagte sogar in seiner Schrift: „Dieses Ballspiel ist noch das einzige, das in Deutschland hin und wieder auch von Erwachsenen geübt wird!“ Während der Französischen Revolution und den ersten Kaiserreich muß es auch in andern europäischen Ländern sehr populär gewesen sein, wie die vielen Bilder aus jener Zeit es beweisen. Auch ein Kupferstich aus dem Jahre 1805 zeigt, daß die Kurgäste im aargauischen Baden sich die Zeit mit Federballspiel vertrieben. Was also heute unter dem Namen Badminton auftritt, hat eine viel ältere Entwicklung hinter sich, als man glauben könnte.