John Kimche, General Guisans Zweifrontenkrieg. Ullstein Verlag, Darmstadt. 251 Seiten, 12,50 Mark.

Die Schweiz hatte es schwer im Zweiten Weltkrieg. Hans Frölicher, der frühere Gesandte in Berlin, hat in seiner Schrift dargestellt, daß die Politik des Bundesrats das Land gerettet habe, wie am 11. Oktober an dieser Stelle berichtet wurde. Bei Kimche dagegen tritt Frölicher nur als ein ahnungsloser, den Nazis gegenüber naiv-gutgläubiger und von ihnen überspielter Mann auf, womit er Frölicher verkennt. Kimche kann in der bedachtsamen, biegsamen Politik des Bundesrates gegenüber Deutschland nur Zersetzung des Schweizer Widerstandswillens, mangelndes Rückgrat, Einschüchterung durch die Nazis, Schwäche und falsches politisches Kalkül sehen, das den Plänen der Nazis, sich die Schweiz zu unterwerfen, helfe. Für Kimche ist es General Guisan, der im Kampf gegen den Einfluß der freiwilligen und unfreiwilligen unbewußten deutschen Fünften Kolonne in der Schweiz, sprich: gegen die Nazis und die Anhänger der Politik des Bundesrates, mit Scharfsinn, Zuversicht und unerschütterlicher Haltung es der Schweiz mehr als alles andere ermöglichte, aus dem Zweiten Weltkrieg frei und unabhängig hervorzugehen.

Will man Kimches Darstellung glauben, so hatte sich Guisan während des Krieges eine unangreifbare Stellung geschaffen. Er schaltete demnach praktisch den Bundesrat aus und bestimmte die Richtlinien der Haltung der Schweiz zu Deutschland. Von ihm gingen alle wirksamen Aktionen and Maßnahmen aus, die die Schweiz vor Hitlers Zugriff bewahrten. Dem General wurden alle möglichen Kompetenzen zugeschrieben, von der Überwachung der Emigranten bis zur Beschützung der demokratischen Rechte der Schweizer Presse und zur Einigung des Schweizer Volkes auf eine entschlossene harte Widerstandshaltung gegen jegliche Art deutschen Druckes. Es soll Kimche in keiner Weise bestritten werden, daß General Guisan ein kluger, tüchtiger und verdienstvoller Offizier war. Aber Kimches Darstellung des Generals als Pater Patriae, der im Kampf nach innen und außen das Vaterland rettete, ist eine ungerechtfertigte Überhöhung.

Wenn man Kimches Buch durchsieht, so bemerkt man, daß auch er nur wenige Aktionen zu berichten weiß, bei denen der General aus eigener Initiative und selbständig machtvoll in das Geschehen eingriff. Das ist einmal der berühmte Rütlirapport 1940, in dem er das Militär zum Widerstand gegen Angriff, Bedrohung und Defaitismus aufrief. Ferner sind zu nennen seine Bemühungen im Juli 1943 und im Juni 1944 um die Zustimmung des Bundesrates zu einer Remobilmachung. Sonst verhielt sich der General im allgemeinen einigermaßen zurückhaltend, worin Kimche allerdings eine bedachtsame Planung sehen will.

Dagegen zeigte sich Bundesrat Minger und ein Teil der Guisan umgebenden und ihn tragenden Offiziere, von Pilet-Golaz als Guisanclique bezeichnet, weitaus aktiver. Deren Rollen werden aber von Kimche nur mit einigen allgemeinen Worten gewürdigt. Immerhin war es Bundesrat Minger, der Chef des Militärdepartements, der Guisans Wahl arrangierte, in den ersten Jahren seine Tätigkeit stark beeinflußte und schließlich das Reduitprojekt als seine eigene Absicht ausgab und es erfolgreich im Bundesrat vertrat.

Es ist falsch, den General allein zum Angelpunkt und Ansporn aller Phänomene einer unnachgiebigen Haltung gegenüber Deutschland zu machen. Über weite Strecken referiert Kimche tatsächliche oder angebliche Gedankengänge Guisans, gibt sie aber in seiner eigenen Deutung wieder, wie denn auch sein Buch keine eigentliche wissenschaftliche Arbeit ist, sondern die Darstellung von Kimches Anschauung über die damalige Situation der Schweiz.

Das zeigt sich auch in seiner Beurteilung der Politik des Bundesrates, die zu verstehen er sich in keiner Weise bemüht und in der er nur Negatives finden kann; sie zersetze mit ihrer schwächlichen Anpassung an deutsche Forderungen die Einheit des Landes und die Widerstandskraft des Volkes, unterhöhle mit ihrer initiativlosen Nachgiebigkeit die moralische Würde und Selbstachtung der Schweizer Demokratie und ermuntere in ihrem Willen zum Frieden um jeden Preis die Deutschen nur zu erhöhten Ansprüchen. Sie arbeite unbewußt der deutschen Eroberungslust in die Hand. Man ist fast erstaunt, daß auf Seite 104 dem Bundesrat Pilet-Golanz doch noch zugestanden wird, auch er wolle die schweizerische Unabhängigkeit wahren. Aber zugleich wird seine Politik der Koexistenz mit dem Drittel Reich als die größte Gefahr gebrandmarkt.