Von Hellmut Sopp

Der sowjetische Generalstab sitzt – wer findet’s komisch? – in einem „Großraumbüro“. Generale, Leutnante, Obristen an Kartentischen, Schreibtischen, Sandkisten, alle in einem Raum, und spielen Strategie – obwohl, so sollte man meinen, in dieser Branche in diesem Land kein Aufwand zu hoch wäre, einem jeden dieser Köpfe ein eigenes Zimmer zu gewähren. Da man bei Uniformierten wenig nach Gefühlen, viel aber nach Leistung fragt, scheint es mit dem „Großraum“ also auch da etwas auf sich zu haben.

Es ist merkwürdig: Obwohl hierzulande seit langem darüber gesprochen und geschrieben wird, ist der Großraum mit Tabus und Unlustaffekten überladen. Man reagiert mit Gefühl, besser: mit oft nicht genau qualifizierbaren Gefühlen, statt erst einmal nachzudenken, zu differenzieren, zu prüfen und es sich anzusehen. Man kann geradezu von einem metaphysischen Schrecken sprechen, der den Menschen überfällt, wenn er auch nur das Wort hört. Das Gespenst der Vermassung, des erzwungenen Kollektivs, sogar das Orwellsche Auge des großen Bruders wird beschworen. Die emotionellen Argumente „dagegen“ verraten einen erschreckenden Dilettantismus.

Woran liegt es? Es gibt zunächst die ganz plausible Begründung, die im Zeitalter der Untersuchungen von allem und jedem zu denken gibt: Es fehlt noch immer die „Spezialwissenschaft“, die das Zusammenspiel von Mensch und Mensch bei der Arbeit im Beruf erforschte. Weder Psychologie noch Soziologie, von der Betriebswissenschaft gar nicht zu reden, wären heute schon fähig, eine „Theorie des Großraums“ zu geben.

Da bleibt nichts anderes, als einfach anzufangen und die ersten Gehversuche zu machen.

Technische Produktionsprozesse zu ändern ist relativ einfach; unvergleichlich schwieriger ist es, Büroarbeit zu modernisieren. Büroangestellte sind viel konservativer, viel mehr Traditionen – auch vermeintlichen – verhaftet als andere Leute. Ihr Widerstand ist zäh. Man kann sie nur überzeugen, wenn man auch alle Gegenargumente kennt, wenn man „Sozialpsychologisch Inventur“ macht. Jedes Unternehmen hat ja seinen ganz spezifischen Charakter, die „Leistungsgemeinschaft“ ist überall verschieden. Leistungsstil, Verantwortungsniveau, Entscheidungsbefugnisse der Instanzen, Besonderheiten des Umgangs miteinander und der Etikette, Arbeitstempo, Arbeitskoordinierung, Willensbildung gleichen sich nirgends. Unternehmen sind Individuen. Dennoch gibt es ein paar Überlegungen, die für jedes Büro gelten.

Die Verhältnisse des Arbeitsplatzes wie des Heimes sind eine Sache des Instinktes. Der geographische Bereich – in Größe und Gestalt – ist ein integrierender Bestandteil der Persönlichkeit. Der Raum wird zu einem Herrschaftsbereich und also auch zum Statussymbol. Das Einzelzimmer mit eigener (!) Sekretärin im Vorzimmer zum Beispiel vermittelt ebensoviel Prestige wie der Titel „Direktor“.