Von Werner Ross

Gaetán Picon nennt in seinem Panorama der neuen französischen Literatur Cocteau den „grand couturier des lettres françaises“. Wie soll man das wiedergeben? Die Haute Couture ist in Deutschland ein Fremdwort und eine Fremdsache. „Großschneider?“ O weh! „Modeschöpfer?“ Da wären wir schon wieder mitten im Schöpferischen, auf den Spuren des Prometheus. Lassen wir also das Wort so stehen: Grand Couturier, und verachten wir auch die Schneidermeister nicht! Schneidermeister machen nicht Weltanschauungen, sondern Westen – aber wie diese sitzen, darauf kommt es an.

Cocteau war der große Anreger, Entwerfer, Designer der neuen literarischen Modelle-, und wenn wir statt Schöpfung „Kreation“ sagen, stimmt es wieder. Er hatte Geschmack, Linie, Stil, Witterung für das Kommende, Feingefühl für die Qualitäten der Stoffe. Klein, zierlich, mit einem, scharfen trockenen Gesicht voller Lach- und Lebefalten, mit wehendem dünnem Haar, kann man sich ihn vorstellen, wie er um die Muse wie um ein Mannequin tänzelte, arrangierend und drapierend, die letzte Nuance, das winzigste Nichts wichtignehmend, verpflichtet nicht dem groben Publikum, das solche Feinheiten ohnehin nie erspähen würde, sondern dem eigenen Künstlertum.

Würde Cocteau diesen Nachruf lesen, so würde er, ist zu vermuten, mit einem pfiffigen Lächeln auf den Satz zeigen: „Die Exegeten kommen mit mir nicht zu Rand.“ Er spielte die Rolle des Hofschneiders der Moderne, aber er ließ durchblicken, daß sich ganz anderes in ihm verberge. „Journal d’un Inconnu“, heißt sein Tagebuch. Hin und wieder nahm er eine Maske ab, aber das Verblüffende an ihm war, daß gleich darunter eine neue zum Vorschein kam. Daß er ein Spieler war, ein Schau-Spieler und Vabanque-Spieler, hat er selber als das eigentlich Ernste seiner Existenz betrachtet. Die Narren sagen die Wahrheit – so sagte er der Avantgarde die Wahrheit, überholte sie durch seine Wendigkeit, stand wie Swinegel schon am Ziel, als die jeweils Allerersten mit hängender Zunge ankamen.

In seiner Akademierede, einem Meisterwerk verzwickter Ironie und Selbstrechtfertigung, sagte er es selber: „Man mußte der Avantgarde Widerspruch bieten, man mußte, scheinbar im Rückwärtsgang, schneller sein als die Schnelligkeit selbst.“ So entstand seine reine Linie, seine neue Klassik, der „Ödipus Rex“, zu dem Strawinskij die Musik schrieb, ein Purismus, wie man ihn in den Zeichnungen seines Freundes Picasso wiederfindet.

Er war kein „Ist“, das erschwert für systematische Geister den Umgang mit ihm. Gide, der Proteus der Moderne, hatte ihn angezogen und erzogen; er selbst ergab sich mit gleicher Leidenschaft dem jungen Radiguet, der nach dem Meisterwerk „Le diable au corps“ zwanzigjährig starb. Er nahm Opium, um die poetischen Träume zu steigern, und wandte sich nach der Entziehungskur dem katholischen Kindes- und Kirchenglauben wieder zu.

Damals schrieb er den berühmten Brief an Jacques Maritain: „Die Literatur ist unmöglich. Man muß davon wegkommen. Unnütz, zu versuchen, mit Literatur von ihr wegzukommen; nur Liebe und Glaube erlauben uns, aus uns herauszugehen.“ Als er diese Sätze schrieb, glaubte er an sie. Aber „in den milden Händen der Priester platzt eine Bombe nur, wenn sie es wollen. Sie fingen die meine im Fluge auf und verwandelten sie, mit immer mehr Watte umwickelt, in ein Beweisstück der Bekehrung“. Und zu Maritains Versuch, ihn auf seine Straße zu verweisen: „Leider besaß ich, um an seiner Seite zu gehen, weder die Engelsflügel noch den mächtigen geistlichen Auftrieb seiner als Leib verkleideten Seele... Ich suchte mein Heil in der Flucht.“