Bis vor wenigen Tagen suchte der Tiefstand der italienischen Aktienwerte seinesgleichen. Etliche Werte sind unter das Niveau von 1960 zurückgefallen. Noch am 8. Oktober war das Kaufinteresse aufs äußerste begrenzt, die Spekulation hielt sich zurück, die Verkäufe nahmen überhand. Plötzlich trat am 9. Oktober ein völliger Szenenwechsel ein. Nach der hartnäckigen Flaute der vergangenen Monate ergab sich eine wohl technisch bedingte Reaktion, die aber auch einen psychologischen Hintergrund. hatte. Der Gouverneur der Staatsbank, Carli, empfing nämlich die Börsenmakler, um mit ihnen die trostlose Lage der Börse zu besprechen und auf Abhilfe zu sinnen. Obwohl über den Ausgang der Unterhaltungen nichts gesagt wurde, hatte doch das endlich bekundete Interesse eines staatlichen Organs genügt, um die völlig gesunkene Zuversicht neu zu beleben. Solide Käufe wurden getätigt, die den Schwarm der Spekulanten nach sich zogen und die Kurswerte der meisten Papiere um 5, ja bis zu 10 und mehr Prozent steigen ließen. Am meisten profitierten davon Werte wie Montecatini, Snia Viscosa, solche der pharmazeutischen, der Versicherungsbranche und der elektrischen Industrie.

Es bleibt nun abzuwarten, ob sich die Aufwärtsbewegung fortsetzt. Zweifel daran sind berechtigt. Denn die vielfältigen Unsicherheitsmomente, welche die Baisse hervorgerufen hatten, dauern nach wie vor an. Da ist vor allem die verworrene und für die Zukunft völlig ungewisse politische Situation. Der seit anderthalb Jahren auf Italien lastende Druck der sogenannten „Mitte-links-Konzeption“ mit seinen verhängnisvollen Auswirkungen auf Wirtschaft und Finanzen – enormes Defizit der Zahlungsbilanz und des Staatshaushaltes –, verbunden mit dem Schrumpfen des Sparkapitals und der Kreditmargen, mit der Kosten- und Preisaufblähung, läßt die Zukunft düster erscheinen. Die prekäre Notlösung der zeitlich befristeten Regierung Leone, die im November von einem neuen Kabinett der linken Mitte abgelöst werden soll, gibt zu größten Befürchtungen für Wirtschaft und Währung Anlaß.

Denn die italienische Demokratie steht auf schwachen Füßen. Die künftige Regierung kann sich nur mit Hilfe der, der mächtigen Kommunistischen Partei Togliattis hörigen, Nenni-Sozialisten behaupten, also einer marxistisch orientierten Gruppe, die unter dem Vorwand der „sozialen Erneuerung“ des Landes auf Kollektivismus und Planwirtschaft abzielt. Davon hat die vor einem halben Jahr vollzogene Verstaatlichung der elektrischen Industrie, schon einen Vorgeschmack gegeben. Diese Nenni-Sozialistische Partei verfolgt nach der Aussage ihrer Hauptsprecher Projekte, die nur mit ungeheuren finanziellen Aufwendungen – also auf Kosten der ohnehin überbelasteten Steuerzahler – durchgeführt werden können.

Die Reflexe dieser in jeder Hinsicht fragwürdigen Entwicklung mit ihren beängstigenden Auswirkungen auf die wirtschafts-, finanz- und kreditpolitische Situation Italiens sind von schlechter Vorbedeutung für die Überwindung der latenten Börsenkrise. Die gänzlich unsichere innenpolitische Lage Italiens, deren Auswirkungen sich auch außenpolitisch fühlbar machen müssen, hat überdies einen allgemeinen Vertrauensschwund verursacht, der die Zuversicht der Unternehmer lähmt.

Es ist durchaus verständlich, daß in Italien der Inflationsdruck bisher keine Flucht in die Sachwerte, das heißt auch in die Aktien, ausgelöst hat, denn niemand weiß, wie lange unter den obwaltenden politischen Umständen der Wirtschaft noch die Freiheit für eine ausreichende unternehmerische Initiative erhalten bleiben wird. Das ist auch der Grund, warum sich sowohl das ausländische als auch das inländische Kapital aus Italien mehr und mehr zurückzieht. Über das Ausmaß der Kapitalflucht bzw. des Rückgangs ausländischer Neuanlagen in Italien gibt die Entwicklung der italienischen Kapitalbilanz einen ungefähren Anhaltspunkt. Während der ersten 7 Monate 1963 hat sich ihr Passiv-Saldo mit 187 Millionen Dollar gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres mehr als verdoppelt!

An der Kapitalflucht ist die italienische Regierung nicht unschuldig. Sie hat offenbar den negativen Einfluß nicht bedacht, den die Einführung der Dividendensteuer (Ende 1962) ausüben würde. Wie so manche Regierung war sie sich nicht darüber im klaren, daß Erhöhungen der Einkommen- und Vermögensteuer im Zeitalter des liberalisierten Zahlungsverkehrs zwangsläufig Kapitalverlagerungen auslösen muß. Das Kapital wandert stets dorthin, wo es sich am besten behandelt fühlt! Eine Erfahrung, die wir in der Bundesrepublik jeden Tag aufs neue machen. Der 1962 in Italien eingeführte Satz der Dividendensteuer für Deviseninländer beträgt 15 %, für ausländische Besitzer italienischer Aktien dagegen nur 8 %.

Was lag für die italienischen „Kapitalisten“ näher, als ihrem Wertpapierbesitz „Auslandscharakter“ zu verschaffen. Die Vereinsbank in Hamburg erwähnt in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht, daß die Italiener in großem Umfange Lire-Banknoten in die Schweiz versandt haben und von dort aus als „verkappte Inländer“ italienische Aktien erwarben, eine Praxis, die auch von deutschen Gruppen hinsichtlich deutscher Aktien mit großem steuerlichen Erfolg ausgeübt wird. Zwar ist im Rahmen dieser „Tarn-Transaktionen“ ein großer Teil des Fluchtkapitals wieder dem italienischen Aktienmarkt zugeflossen, gleichzeitig hat aber der Zustrom von (echtem) Auslandskapital spürbar nachgelassen.