Washington,im Oktober

Andrej Gromyko hat Pech. Wenn er auf dem weißen Sofa im ovalen Arbeitsraum des Präsidenten der USA sitzt, muß er entweder schwindeln oder überrascht sein, weil er die Wahrheit nicht kennt. Gerade vor einem Jahr wußte Kennedy, daß die Sowjets Raketen nach Kuba schicken, während Gromyko im Weißen. Haus das Gegenteil versicherte. Beim nächsten darauf folgenden Besuch, Donnerstag der vergangenen Woche, eröffnete der Präsident, nachdem er im Schaukelstuhl Platz genommen hatte, vorsichtshalber das Gespräch sofort mit der Mitteilung, daß sowjetische Soldaten amerikanische Soldaten auf der Autobahn nach Berlin blockierten. Das Erstaunen Gromykos und seiner beiden Begleiter Semjonow und Dobrynin sah so echt aus, daß die Amerikaner bereit sind, an eine mangelhafte Kommunikation zwischen Moskau und den Sowjetdiplomaten in der amerikanischen Hauptstadt zu glauben.

Botschafter Dobrynin versuchte am Freitag vergeblich, den scharfen Protest Außenminister Rusks unverzüglich in die sowjetische Hauptstadt zu übermitteln; es gelang ihm schließlich nur mit Hilfe einer amerikanischen Leitung des State Department. Der amerikanische Boschafter in Moskau, Foy Köhler, fand den stellvertretenden Außenminister Sorin unzureichend informiert über die Prozedur bei der Abwicklung des militärischen Verkehrs auf der Autobahn nach Berlin. Kohler war der geeignete Mann, den Sowjetminister aufzuklären. Bis zum vergangenen Jahr hatte er in Washington die Vereinigten Staaten im „Botschafter-Lenkungsausschuß“ vertreten. Es war dieser Ausschuß, der die Notstandsplanung für Berlin erarbeitete.

Der Botschafter-Lenkungsausschuß tagte in Permanenz, während die beiden amerikanischen Konvoys bei Babelsberg parkten. Botschafter Lewellyn Thompson und die Beauftragten der Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik überwachten das Funktionieren der Notstandsplanung. Eine nachträgliche Analyse des Verlaufs der kritischen 52 Stunden ergab, daß der in langen Jahren von den vier Mächten geschaffene Mechanismus exakt und zuverlässig arbeitete. Dies wird in Washington als ein höchst erfreuliches Nebenprodukt des jüngsten Ärgers auf den Zufahrtswegen nach Berlin gewertet. Während früher allzu oft geringfügige Unregelmäßigkeiten zu einer Konfusion zwischen Berlin und den vier Hauptstädten. Washington, London, Paris und Bonn führten, gibt es jetzt minutiös geplante Gegenmaßnahmen, über die die vier betroffenen Mächte von vornherein Übereinstimmung erzielt haben. Dies ermöglicht endlich auch eine Verzahnung militärischer und diplomatischer Operationen.

Die Kennedy-Regierung ist mit dem Verlauf der Konfrontation von Babelsberg nicht nur zufrieden – sie ist auch erleichtert. Ein plötzliches Umschlagen des ost-westlichen Tauwetters in neuen Frost hätte Präsident Kennedy innenpolitisch gegenwärtig besonders hart getroffen. Mit der Zustimmung zum Verkauf amerikanischen Weizens für eine Milliarde Mark an die Russen, mit dem Testbannvertrag, mit der Verabredung, ein sowjetisches Konsulat in Chikago und ein amerikanisches in Leningrad zu errichten, mit dem Vorschlag des gemeinsamen Mondfluges, mit der Bereitschaft, eine Verzichterklärung über Atomwaffen im Weltraum zu unterzeichnen – mit all diesen „Entspannungsschritten“ hat sich die Kennedy-Regierung weit vorgewagt. Die Kritik der Republikaner wird täglich massiver. Die Popularitätskurve John Kennedys erreichte einen Tiefstand. Das hat zwar vor. allem andere Ursachen als seine Entspannungsbemühungen; aber eins kommt zum anderen, so daß der Präsident zur Zeit „kein gutes Blatt“ hat.

Nach einem Abwägen der Tatsachen kam Washington zu einer undramatischen Beurteilung des Autobahnzwischenfalls. Die Amerikaner glauben nicht an eine von Moskau geplante Provokation. Der Anlaß zu dem unfreiwilligen Aufenthalt der beiden Konvoys bei Babelsberg sei, so glaubt man, eine übereifrige Auslegung des Abwicklungsverfahrens von Militärtransporten nach Berlin gewesen. Der Rest bestand aus Mißverständnissen. Die ungewöhnlich lange Dauer der kleinen Blockade wird auf Übermittlungsschwierigkeiten der Russen zurückgeführt, die zwischen Babelsberg, Wünsdorf, Moskau und Washington auftraten.

Es wird jedoch nicht für unmöglich gehalten, daß die Russen den Zwischenfall als Warnsignal benutzten – im Sinne der Erklärung Chruschtschows, wonach die deutsche Frage auch im Zeichen der Annäherung und der besseren Handelsbeziehungen nicht in den Hintergrund treten dürfe. Andrej Gromyko nahm denn auch jede Gelegenheit wahr, seine zahlreichen amerikanischen Gesprächspartner vor der „revanchistischen Bundesrepublik“ zu warnen. Moskau sieht in einer deutsch-amerikanischen Polarisflotte einen aktuellen Anlaß zu sehr ernsten neuen Auseinandersetzungen. Thilo Koch