Thomas Staalhuus: „Holstein war kein Dämon“, ZEIT Nr. 37

Staalhuus stört an meiner Zuschrift „die Enge“, die ich in bezug auf Holstein dem Begriff „stürzen“ gegeben habe und er fragt, ob also Augstein doch nicht Strauß gestürzt habe. Damit vergleicht er Unvergleichbares, nämlich die demokratischen Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland mit denen des beschränkt konstitutionellen Deutschen Reichs der Kaiserzeit. Meine „Enge“ ist nur die Berücksichtigung dieser Unterschiede.

Im Jahre 1906 konnte ein Wirklicher Geheimer Rat und Abteilungsleiter des Auswärtigen Amts nur auf Vortrag des Reichskanzlers oder in dessen Vertretung oder Auftrag des Staatssekretärs vom Kaiser entlassen werden. Genauso ist es geschehen, und weil Fürst Bülow, wie er auch vorher an Holstein schrieb, Wert darauf legte, daß es so geschah, hat er durch einen Brief seines Bruders, des kaiserlichen Flügeladjutanten, den Staatssekretär beauftragt, Holsteins Entlassungsgesuch dem Kaiser vorzulegen, ja er hat sogar angesichts der Wichtigkeit und Tragweite dieses Akts, da er gerade schwer krank war, seine geistige Dispositionsfähigkeit ärztlich besonders bescheinigen lassen.

„Der Einwand, daß der Staatssekretär von Tschirschky wahrscheinlich ohnehin entschlossenwar, Holsteins Entlassung herbeizuführen, verwischt die Zuständigkeiten, die ihm dieses Recht ohne Zustimmung des Kanzlers nicht gegeben hätten, wenn er nicht den Kanzler zu vertreten gehabt hatte. Er führte nur den Auftrag seines Chefs aus, wenn er Holsteins Entlassungsgesuch dem Kaiser vorlegte, während Bülow Holstein in dem Glauben erhielt, daß Tschirschky die Erkrankung des Kanzlers benutzt habe, ihn „kaltblütig abzuwürgen“. Die erst ein halbes Jahrhundert danach, erfolgte Äußerung des Neffen Tschirschkys steht in ausdrücklichem Widerspruch zu Erklärungen des Staatssekretärs selbst und seiner Witwe.

Was den Zusammenstoß Holsteins mit Eulenbarg anlegt, so befinde ich mich in Übereinstimmung mit den Herausgebern der Papiere Holsteins mit meiner Feststellung, daß Eulenburg, wahrscheinlich unter Einwirkung des Auswärtigen Amts, Holsteins bewußt beleidigenden Brief weder mit der Waffe noch mit einem Prozeß beantwortet, sich vielmehr mit der Erklärung Holsteins begnügt hat, daß dieser die gegen Eulenburg „gebrauchten verletzender. Ausdrücke“ (also nicht die Beleidigungen an sich) zurückziehe.

Diese Tatsachen werfen ein bezeichnendes Licht auf die Stärke selbst noch des entamteten Holsteins und die Schwäche Eulenburgs. des intimen, soeben erst mit dem Schwarzen Adlerorden ausgezeichneten Freundes des Kaisers, eine Schwäche, die ein Jahr darauf noch einmal dadurch kraß vor aller Welt aufgezeigt wurde, als der Kaiser, nach Kenntnisnahme der Beschuldigungen Harnach den einstigen Freund, ohne ihn auch nur anzuhören, fallen ließ.

Diese Vorgänge sind heute deshalb noch von Belang. weil sie, mit anderen, Keime der Zersetzung zeigen, die in die führenden Schichten des Wilhelminischen Deutschland eingedrungen waren. Dr. Helmuth Rogge, Bad Godesberg