Eine Frau aus Israel, die kürzlich in der Bundesrepublik war, hat mir heute geschrieben, Sie war vollkommen antideutsch eingestellt gewesen und hatte ihre Vorurteile eigentlich auch gar nicht revidieren wollen, weil sie einfach davor zurückschreckte, diesen ganzen Komplex zu überdenken. Aber gerade das ist auf der Reise, zu der sie sich dann doch entschlossen hatte, in jeder Hinsicht geschehen. Ich war sehr froh über diesen Brief. – Die Reise, von der die Hamburger Vikarin Marianne Timm sprach, war die Drei-Wochen-Informationstour von 26 Frauen aus Israel, die – auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenverbände – durch die Bundesrepublik und Berlin geführt hatte. Die Vikarin Marianne Timm war der Reisemarschall gewesen.

26 Frauen aus verschiedenen Berufen: Ärztin, Hausfrau, Schwester, Sozialbeamtin, Malerin, Juristin, Pianistin, Kunstgewerblerin, Lehrerin, Bäuerin, Journalistin, Theaterwissenschaftlerin. Einige ganz jung, einige alt. Die meisten zwischen 40 und 50, Frauen auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. Einige waren vor 1938 aus Deutschland emigriert, andere sahen es zum erstenmal.

Als sie gegen Ende der Reise noch einmal in Hamburg waren und an einem Sonnabendmittag im Ratskeller aßen, trugen sie Pakete und Tüten, ließen sich gegenseitig in die Tragetaschen lugen, erzählten, daß sie eigentlich nur Packpapier hätten kaufen wollen und nun eine Bluse – „so eine suche ich schon ewig!“ – erstanden haben. Die meisten sprachen deutsch, nur die Jüngeren lächelten höflich und fragten: „Do you speak English?“ Sie wissen, wer sie sind; sie sind sich ihrer selbst mit allem Für und Wider, ihrer Vergangenheit und Zukunft sicher. Sie sind nicht berufstätig, sondern sie haben Berufe, Sie schauen den Partner an, wenn sie sprechen oder zuhören, ruhig und konzentriert.

Ihre Fragen lauteten: „Wer sind Sie? Was machen Sie?“ Und dann ging es in die Details: „Wie lebt man in Deutschland als berufstätige Frau? Wie vereint man das: Beruf und Familief“ Sie berichten auch von ihrem Alltag. Sie erzählen, wie sie wohnen, welche Ansätze zu Luxus sich in Israel entfalten, daß Theater und Orchester meist privat finanziert werden, welche Chemiefasern es drüben schon gibt, welche Fremdsprachen in den Schulen gelehrt werden. Sie sagten: „In unserer Generation ist alles noch ein Versuch“, und es schien sie zu befriedigen, als sie hörten, daß auch wir meinen, in einem Übergang zu leben. Vielfach stießen wir auf die gleichen Zweifel und Hoffnungen.

„Es ist für einen Israeli, der aus Deutschland stammt, nicht leicht, hier einen Besuch zu machen“, sagte die Vikarin. „Viele haben in sich selbst vieles zu überwinden – nicht nur Erinnerungen an die blutige Nazizeit. Denken Sie an Solche Erlebnisse: Das kleine Mädchen hat eine Freundin gehabt, und eines Tages durfte diese nicht mehr mit ihr spielen, weil sie ein ‚Judenmädchen’ sei. Oder da ist ein Klassenaufsatz geschrieben worden, und als er zurückgegeben wird, sagt die Lehrerin: ‚Susanne hat den besten Aufsatz geschrieben; eigentlich erstaunlich, wo sie doch Jüdin ist!‘ Sie wurden immer abgewertet; sie mußten sich ständig rechtfertigen.“

Als die 26 Frauen sich auf die Reise gemacht hatten, waren ihre Angehörigen entsetzt gewesen. „Wo willst du hinfahren? Nach Deutschland? Bist du krank?“ Also hatten sie sich vor Mann und Kindern und Freunden rechtfertigen müssen. Als sie in Hamburg aus ihrem Flugzeug stiegen, flatterten ihnen die Zeitungen entgegen, die von dem empörten Protest der Öffentlichkeit in Israel gegen ihre Reise bericheten.

„Immer wieder also“, so berichtet die Reisebegleiterin Timm, „stellten sie die Frage: Ist es richtig, was wir tun?‘ Und dann die Welle der Freundlichkeit, die ihnen auf allen Stationen ihrer Reise entgegenschlug. Das machte sie fassungslos, und sie fragten: ‚Was soll das denn? Wieso empfängt uns das feindliche Deutschland so großartig?‘ Nun, ich meine, sie merkten mit einem guten Instinkt, daß die Freundlichkeit nicht geheuchelt war.“