Von Ludwig Marcuse

Ein Buch, das Jahrzehnte überlebte, ha an jedem guten Leser zwei: einen, der es als historisches Denkmal zu würdigen weiß, und den andern, der es auf sich bezieht. Wer Homei und Shakespeare nur als Gebildeter aufnimmt oder ganz in den Tag hineinzuzwängen sucht, nacht sie ärmlich. Dies vorausgeschickt, hat man aus dem schmälsten Werk, über dem der gewaltigste Berg von Kommentaren ragt, sowohl die Aktualität herauszulesen als auch die Vergangenheit; obwohl der Entdecker dieses Poeten, am Ende des Ersten Weltkrieges, der Surrealist Philippe Soupault, ganz sicher war: „Lautreamont wird niemals eine historische Persönlichkeit sein Er steht außerhalb der Literaturgeschichte.“

Er steht auch mittendrin und gehört mit seinen „finsteren und gifterfüllten Seiten“ zum Jahrhundert der Passionen: wie Kleist und Byron und Kierkegaard und Dostojewskij und Richard Wagner und van Gogh und Nietzsche. Ihre Verwandtschaft wird sichtbar vor den Jahren, die folgten: den nüchternsten Schlächtereien (fälschlich als Kreuzzüge gedeutet), dem Jahrhundert--des Anti-Emotionalismus.

Die leuchtende Hauptfigur der „Gesänge des Maldoror“, sechs hymnischer Flüche, ist der bösartige Gott. Der beschlagene Leser ordnet sofort ein: Satanismus, poètes maudits – verengt also den uralten Kult und seine Priester, als wären sie eine winzige Provinz im Reich der Künste. Tatsächlich war der erste poète maudit, von dem wir wissen, Hiob, der zweite Prometheus; und Schopenhauer wurde dann der exakteste Theologe der Schwarzen Messen.

Wie viele dringende Fragen lassen sich nicht beantworten! Hat je ein Satan-Priester wortwörtlich an einen verfluchten Gott geglaubt? Vielleicht war schon für Hiob der höllische Schöpfer nur eine Chiffre des Abscheus vor dem höllischen menschlichen Geschöpf. Lautréamonts aggressiv-, rhetorische Frage: „Wann wird dein Betragen aufhören, sich in den Schein des Ungewöhnlichen zu hüllen?“ klingt wie eine Variation der erhabenen biblischen Anrempeleien. Nur verfügte der alte schlichte Schriftsteller (oder sein Team) nicht über den berückend giftigen Glanz des Nachfahren, der Gott und seinen Thron, den ihm „die Feigheit des Menschen“ errichtet hatte, mit sakraler Galligkeit malte.

Man hat Byron und de Sade und Baudelaire und dann auch Lautreamont entgiftet, indem man sie als verwundete Gläubige harmlos und schon machte. Lautreamont fragte: „Woher kommt wohl dieser tiefe Widerwille gegen alles, was mit dem Menschen zusammenhängt?“ – und beschwichtigende Ausleger antworteten: daher, daß du ein Moralist bist und an der menschlichen Unzulänglichkeit leidest.

Es ist ernster. Sie litten nicht nur, sondern wurden vernichtungswütig. Wolfgang Koeppen hat in einem ausgezeichneten Essay (dem Leser als Einleitung empfohlen) sehr zu Unrecht Lautréamont von de Sade getrennt. Das Preisen der Grausamkeit ist auch in den „Gesängen“ im Mittelpunkt, wie bei de Sade und Baudelaire. Den Schlüssel zur Diagnose finde ich in dem Lautiéamont-Satz: „Ja, ich übertreffe euch alle durch meine angeborene Grausamkeit, sie auszulöschen stand nicht in meiner Macht.“ Der Wille zur Destruktion, der sich „angeboren“ gibt, verrät in selben Satz seine wahre Herkunft: Ohnmacht, ihn auszurotten. Lautreamont beruhigte sich nicht mit soziologisch-militanten Ammenliedern.