Knapp mittelgroß und schlank, korrekt, fast elegant gekleidet, in seinen Bewegungen kurz, eckig, die Stimme knapp, streng und eher an einen Obristen denn an einen Handelsmann erinnernd – Ernst Plate Chef der Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG und Senator außer Diensten, war der energische Hauptmann der „Wappen von Hamburg“. Sein selbstbewußtes Auftreten ließ zuweilen vergessen, daß sich immerhin ja auch der höchste Repräsentant des Stadtstaates, Bürgerschaftspräsident Dau, an Bord des 3800 BRT großen Seebäderschiff befand und daß es sich nicht nur um eine (auch von Steuerzahlern finanzierte) Reise in Hafengeschäften handelte, sondern um eine – auf neudeutsch-englisch benannte – „Good-Will-Reise“ mit tieferer wirtschaftspolitischer Bedeutung.

Kontakt war eines der am meisten genannten Wörter auf dieser zweieinhalbwöchigen Seefahrt durch die Ostsee nach Helsinki, Leningrad, Stockholm, Gelingen, Göteborg, Oslo und Kopenhagen. Sie hat gut eine halbe Million Mark gekostet. Die Frage ist, ob sich denn dieser Einsatz auch gelohnt hat. In vielen Zeitungsberichten ist das Wort „Erfolg“ recht laut gesungen worden. Indessen, ob die Reise für Hamburg – und besonders für den Hafen – lohnend war, wird sich erst erweisen müssen. Zur Zeit zählt man mit Eifer die Zeilen, die die Zeitungen über die Reise gedruckt haben. Man registriert die Fernsehminuten, und man wiederholt die wichtigen Namen derer, mit denen man gesprochen, vielleicht sogar verhandelt hat.

Senator a. D. Plate hatte unter anderem in Helsinki stolz bemerkt, daß Hamburg mit der Entwicklung des Hafenverkehrs in den vergangenen anderthalb Jahren außerordentlich zufrieden sei; die Statistik nenne steigende Zahlen. War also die Werbefahrt durch die Ostsee nur eine vergnügliche Dankeschön-Reise?

Die zufriedenen Worte täuschen: Der Hansestadt macht die EWG Sorgen. Die im EFTA-Gebiet Skandinavien und von Hamburg unterstützte Forderung heißt: EWG ja – aber liberal den Drittländern gegenüber. Alle EWG-Länder zusammen sind ja für den Hafen an der Elbe nur wenig bedeutender als Skandinavien, und außerdem ist Hamburg „Übersee-orientiert“. Im Vergleich zum wachsenden Handel innerhalb des Gemeinsamen Marktes jedoch stagniert der Warenaustausch mit Nordeuropa und Übersee. Hinzu kommen die Autarkietendenzen der Agrarpolitik in der EWG, die den Importverkehr über Hamburg zu vermindern droht.

Und was endlich den Osthandel angeht: Hamburg möchte noch mehr mit dem Osten ins Geschäft kommen. Daher auch die Anregung, die „Derutra“ der dreißiger Jahre in einer „Desotra“, einer „Deutsch-Sowjetischen Transport-Gesellschaft“ wieder aufleben zu lassen. Der stellvertretende sowjetische Minister für Hochseeschifffahrt, Sotow, hat versprochen, diesen Vorschlag „ernthaft prüfen“ zu lassen.

Am Rande erntete die Hamburger Exkursion immerhin die Antwort auf eine wenige Tage zuvor in Finnland vorgetragene Forderung: Das Bundeskabinett beschloß auf Antrag des Bundesverkehrsministers Seebohm (gegen den Bundesfinanzminister), von der Wärtsilä-Werft in Helsinki einen 7500 PS starken Ostsee-Eisbrecher für 20 Millionen Mark bauen zu lassen. Er wird von einer finnischen Besatzung gefahren werden und der Bundesrepublik – mit der übrigen Eisbrecherflotte, die bisher unentgeltlich, aber eben auch unzulänglich zu Hilfe kam – zur Verfügung stehen.

Dieses Ereignis am Rande sieht fast nach einem Symbol aus – für die noch bessere Zusammenarbeit Hamburgs mit den Ostseeländern. –k