Der zweite Bundeskanzler – Hoffnung und Skepsis

Von Rolf Zundel

Es war in den letzten Kriegsmonaten in Berlin", erzählte einmal Theodor Eschenburg, "fast jede Nacht gab es Fliegeralarm, im Luftschutzkeller traf man sich. Auch Erhard fand sich ein – und selten fehlte ihm die Zigarre. Das Dröhnen der Flak, die Detonation der Bomben – das alles schien ihm wenig anzuhaben. Er hatte anderes im Kopf." Eines Tages zog er aus einer Aktenmappe ein hektographiertes Manuskript und drückte es Eschenburg in die Hand: "Lesen Sie mal." Wieder in seine Wohnung zurückgekehrt, las Eschenburg und traute seinen Augen nicht. "Da jetzt eindeutig feststeht, daß der Krieg verloren ist ..." So begann das Manuskript. Es war jene Denkschrift über die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nach dem Kriege, die Erhard an Dr. Goerdeler geschickt hatte.

Eschenburg ging hinüber in Erhards Wohnung, klopfte. Nichts rührte sich. Eschenburg polterte gegen die Tür. Schlaftrunken erschien Erhard. Was er sich eigentlich dabei denke, fragte Eschenburg, ein so gefährliches Manuskript mit sich herumzutragen. Ob er sich darüber im klaren sei, daß er damit seine Freunde und seine Familie gefährde. Das sei doch ein unverantwortlicher Leichtsinn. Erhards Antwort: "Und deshalb wecken Sie mich?"

In dieser Szene zeigt sich eine Eigenschaft, die Erhards Stärke und zugleich seine Schwäche ausmacht: Jenes fast blinde Vertrauen, mit dem er einer Idee nachjagt, die er einmal als richtig erkannt hat – blind deshalb, weil er, von der Leuchtkraft seiner Idee geblendet, die Gefahren und Schwierigkeiten ihrer Verwirklichung manchmal kaum mehr wahrnimmt. Ob ein gelernter Politiker im Sommer 1948 gewagt hätte, das Bewirtschaftungssystem mit einem Schlag auf die Seite zu räumen? Wohl kaum. Ein kluger Politiker, ein "Realpolitiker", hätte sich vielleicht langsam, Kompromiß um Kompromiß, zum selben Ziel vorgearbeitet, falls er nicht – und das ist fast wahrscheinlicher – vor der Macht der Verhältnisse kapituliert hätte. Erhard aber hatte den Mut und die Unbefangenheit, die "göttliche Gabe eines dicken Felles".

1948: Einsamer Entschluß

Dieses Bild paßt freilich nicht ganz in das Klischee, das die Public-relation-Büros von Erhard angefertigt haben: der gemütliche Dicke mit der Zigarre, der Mann des Volkes, der blauäugige politische Biederkeit ausstrahlt. Erhard ist 1948, als ihm der große wirtschaftspolitische Durchbruch gelang, keineswegs als "ehrlicher Makler" aufgetreten; und seine Entscheidung, das Bewirtschaftungssystem aufzuheben, entstand beileibe nicht aus dem consensus omnium; sie war ein "einsamer Entschluß".