„Aktion T4“

von Paul Mommertz uraufgeführt

Daß engagierte Kunst immer mindestens zweierlei Beurteilungen zuläßt oder gar verlangt, das zeigte wieder einmal die Uraufführung des Schauspiels „Aktion T 4“ von Paul Mommertz im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele. Das Stück hat im Autorenwettbewerb der Kammerspiele einen zweiten Preis erhalten, und es hat ihn ganz gewiß verdient – nicht nur wegen der sittlichen Leidenschaft, mit welcher hier ein bisher wenig angerührtes Thema aus dem finstersten Schreckensarsenal der Hitlerzeit aufgegriffen wurde, sondern auch wegen der literarischen Sauberkeit der Arbeit, der Untadeligkeit der Technik. Das Werk erhebt sich beträchtlich über den Durchschnitt heute üblicher Novitätenangebote.

Es geht um jene Variante staatlich organisierten Massenmordes, die von den Unmenschen mit dem Namen „Euthanasie“ beschönigt wurde und deren Opfer die wirklich oder vorgeblich unheilbaren Geisteskranken waren. Mommertz hielt sich dabei an eine Jugenderinnerung, die ihn verfolgte, bis er sie sich von der Seele schrieb.

Über den Inhalt des Stückes ist genug gesagt mit der Andeutung, daß ein Arzt Helfer um sich geschart hat, die es ihm ermöglichen, eine Anzahl Todgeweihter durch gefährliche Manipulationen zu retten. Natürlich entgeht sein gewagtes Spiel nicht der Wachsamkeit der Schergen, natürlich finden sich auch Verräter, und schließlich verliert sich der „Saboteur“ in der Maschinerie des Grauens. Das erschütternde Geschehen wird getragen von den festgelegten paar Bewegungsmöglichkeiten des individuellen Verhaltens – je nach Charakter, Standfestigkeit, Irritierbarkeit, Schwachmütigkeit oder Gemeinheit.

Ein ehrliches und durch seine Wahrheit aufwühlendes Bild gewesener Wirklichkeit. Als „Anschauungsunterricht“ nicht hoch genug zu werten. Jedoch: ein „Drama“ konnte es nicht werden. Wo nur der bewußte, entschlossene Märtyrer oder der ebenso bewußte Verbrecher aus völlig eigenem Entschluß zu handeln vermag, alle minder extremen Charaktere aber sich hin und her winden müssen, kann es keine eigentliche dramatische Entwicklung und darum auch keine echte Katastrophe geben. „Katastrophal“ ist ja die menschliche Situation vom Anfang bis zum Ende.

Unter der Regie von Max P. Ammann und mit Wolfgang Büttner, Erna Sellmer, Barbara. Nüsse, Else Quecke, Wolfgang Weiser und Peter Paul in den tragenden Rollen war es eine hervorragende Aufführung, die vom Premierenpublikum mit Verständnis und Dank aufgenommen wurde.

Walter Abendroth