R. B., Villinger,

In Baden-Württembergs Molkereien wurde die Milch sauer. In Villingen, Kornwestheim, Stuttgart, Ulm, Ludwigsburg und Gaggenau streikten harte Männer und zarte Schulkinder. Sie weigerten sich beharrlich, ihre Frühstücksmilch wie gewohnt aus Papiertüten und Flaschen zu schlürfen.

Grund war die Milchpreiserhöhung. Nach Benner Willen soll sie sechs Pfennig je Liter betragen. Wiewohl die Landwirte von jenen sechs Pfennigen ohnehin nur 0,7 bis 0,8 bekommen sollen, während der Rest dem Zwischenhandel zufließt, bereitete man im Südweststaat den Molkereien noch ein besonderes Geschenk. Der „Transportzuschlag“ wurde erfunden. Das Land forderte, daß künftighin Großstadtmenschen für jeden Liter Milch zwei Pfennig mehr, die bedauernswerten Stuttgarter sogar vier Pfennig mehr zahlen müssen. Auf Schwarzwaldhöhen, im rauhen Wind der Alb und in den malerischen kleinen Städten des Landes hingegen sollte man weiter kostenlos transportierte Milch trinken dürfen.

Der Milchkrieg begann in Villingen. Die Milchtrinker vieler Firmen vereinigten sich im Boykott, und die Milchzentrale Villingen setzte plötzlich 1600 Halbliterflaschen am Tag weniger ab. In Gaggenau im Murgtal wandten unterdes rund 360 Volks- und Gymnasialschüler ihre Kenntnisse in den Fächern für Rechnen und Gemeinschaftskunde an. Sie sollten für den Viertelliter Pausenmilch 15 statt der bisherigen 10 Pfennig täglich bezahlen. Unter Abzug von zwei Pfennig für die braven Hausmeister kamen sie auf einen Nettopreis von früher 8 und neuerdings 13 Pfennig für den Viertelliter. Sie errechneten eine Preissteigerung von 62,5 Prozent. Die Schüler malten Streikparolen an die Wandtafeln, und die Milchzentrale Karlsruhe brauchte sich um die Transportkosten für 360 Flaschen Milch täglich keine Sorgen mehr zu machen. Die Milchwerke Radolfzell als „Dachorganisation“ der Villinger Zentrale strich als erste die Flagge und räumte den Metall- und Feinmechanikwerkern wieder jene Nachlässe ein, die vor dem Erlaß der neuen Milchpreisverordnung gültig waren. Die Villinger Frühstücksmilch wurde wieder zum alten Preis gehandelt.

Bei den Molkereien im Lande erregte der Villinger Sonderfriede Unmut. Der Regierungsassessor Wrase im Stuttgarter Wirtschaftsministerium sprach’s aus: „Außerhalb der Legalität!“ Unbeeindruckt von dem regierungsamtlichen Protest, versprach die Stuttgarter Südmilch AG dem Kreisausschuß des DGB und den Betriebsräten, die früheren Milchnachlässe wieder zu gewähren. Sie blickten großzügig über die Bestimmung hinweg, daß derartige Vereinbarungen nur getroffen werden dürfen, wenn der betreffende Molkereikunde mindestens 500 Liter täglich abnimmt. „Wenn“, so erklärte die „Südmilch“, „eine Kantine die Milch im Auftrag und für Rechnung der Molkerei verkauft, dann kann man damit die Preisbindungsbestimmungen umgehen.“ Der Friedensschluß im Milchkrieg schien nahe.

Der Traum vom wieder befriedeten und einträchtig milchtrinkenden Musterländle war indes schnell ausgeträumt. Die badischen Molkereigeschäftsführer, unter ihnen jener aus Radolfzell, trafen sich in Offenburg und lehnten dort, bei gutem badischem Wein, die „Aktion Hintertür“ ebenso ab wie alle anderen „Kunststücke“. „Wenn man Sonderregelungen für notwendig hält, soll halt die Landesregierung die Milchpreisordnung wieder ändern!“

Die Landesregierung jedoch weigerte sich, die Verordnung zu ändern. Es gäbe genügend Preissenkungsmöglichkeiten innerhalb der Preisverordnung. Und die staunende Öffentlichkeit vernahm, daß der neue Festpreis kein Festpreis, sondern nur ein Höchstpreis sei. Es stehe den Molkereien oder den Milchhändlern frei, den Transportzuschlag zu senken.

Die Molkereien vernahmen erbittert diese Zumutung, bestritten jede Möglichkeit, legal etwas am Preis zu ändern und stürzten sich wieder in den Milchkrieg.