Ein Plädoyer für die Vernunft – Aus Georg Pichls Laudatio auf C.F.von Weizsäcker

Am Sonntag ist dem Philosophen und Physiker Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen worden. Die Festrede auf den Preisträger hielt Georg Picht, der ihm seit gemeinsamen Studentenjahren in Freundschaft verbunden ist. Picht ging von der Frage aus: Warum ist Weizsäckers Arbeit für uns so wichtig? Dabei analysierte er das veränderte Wesen der Politik in unserer von der Wissenschaft bestimmten Zeit. Wir veröffentlichen die Laudatio nachstehend in einer unwesentlich gekürzten Form.

Wir müssen auch in den klassischen Disziplinen neue Wege und Formen des Denkens lernen, weil sich die neue Welt, in der wir leben, in den alten Kategorien nicht mehr auslegen läßt. Vor allem aber müssen wir in Politik und Wirtschaft auf eine neue Weise zu denken lernen, weil praktischer Verstand, Instinkt und Lebenserfahrung vor den Problemen der wissenschaftlichen Welt versagen. Dies alles brauchen wir, und doch reicht es nicht aus. Denn alle diese Bemühungen bleiben disparat, durchkreuzen sich und machen sich wechselseitig zunichte, solange wir den Horizont nicht kennen, in dem wir lernen sollen, uns zu bewegen, solange uns der Zusammenhang verborgen bleibt, in den sich unser geschichtliches Dasein zu fügen hat. Um diesen Zusammenhang aufzudecken, bedürfen wir einer konkreten Analyse jener Faktoren, die in der absehbaren Zukunft den Gang der Politik, die Entwicklung der Wirtschaft und die Dynamik der Gesellschaft bestimmen werden.

Es gibt in der ganzen Welt nur eine erschreckend kleine Zahl von Menschen, die über die Kenntnisse und den Weitblick verfügen, um eine solche Analyse, sei es auch nur stückweise, leisten zu können. Und doch hängt, wie wir heute wissen, von dem internationalen Gespräch dieser paar hundert Menschen unsere ganze geschichtliche Zukunft ab. Weizsäcker ist in diesem Gespräch ein gewichtiger Partner. Er hat sich mit der ihm eigenen Furchtlosigkeit an die Analyse jener universalen Probleme gewagt, von denen er weiß, daß sie gelöst werden müssen, weil uns sonst nur noch übrig bliebe zu verzweifeln. Das erklärt die erstaunliche Resonanz, die er schon in jungen Jahren quer durch alle Fronten und Parteien gefunden hat; die denkende Öffentlichkeit hatte bei dem, was er sagte und tat, stets das Bewußtsein: was hier geschieht, ist nötig und betrifft uns alle. Das gleiche Bewußtsein spricht sich, wenn ich den Sinn dieser Stunde recht verstehe, auch in der Verleihung des Friedenspreises aus; der Preis ist ein Symbol der Solidarität, die das geistige Deutschland mit Weizsäckers Arbeit verbindet.

Wenn wir uns Weizsäckers geistigen Standort begreiflich machen wollen, müssen wir die ungewöhnliche Konstellation ins Auge fassen, unter der er nach Anlage, Herkunft und Schicksal steht. Nach seiner Herkunft ist Weizsäcker ein Schwabe und gehört damit einer geistigen Landschaft an, in der die Gestalten, die mit weitem Blick die Umrisse einer neuen Zeit zu erfassen vermögen, nach einem bekannten Spruch „Die Regel“ sind.

Die Tradition seiner Familie stellte ihn in den Schnittpunkt von drei Bereichen des Lebens und Denkens, die wir seit dem Versinken der großen deutschen Philosophie kaum mehr miteinander zu verbinden vermögen: die durch den Urgroßvater in bedeutendem Stile vertretene Theologie, die durch seinen Großvater, den württembergischen Ministerpräsidenten aus dem Ersten Weltkrieg, und seinen Vater, den Staatssekretär des Äußeren, in den dunkelsten Zeiten unserer Geschichte erfahrene und durchlittene Politik, und schließlich die Naturwissenschaft in der seinem Denken so verwandten Gestalt der psychosomatischen Medizin Viktor von Weizsäckers – eine Naturwissenschaft also, die durch die Radikalität ihres Fragens die Grenze zur Geisteswissenschaft durchbricht und damit unmittelbar auch Philosophie ist. So umgreift das Erbe der Väter die Erfahrungen eines Jahrhunderts der politischen und der Geistesgeschichte in Deutschland mit seinen Dissonanzen und Antinomien, seinen Verheißungen und seinem tragischen Scheitern. Diese so weit gespannte Tradition wird in dem künstlerischen Element, das aus der mütterlichen Familie Graevenitz stammt, von – einer eigentümlichen Dynamik erfüllt, durch die sich seine Arbeit und sein öffentliches Wirken von dem Stil seiner Weizsäckerschen Vorfahren unterscheidet.

Der Zusammenhang von Naturwissenschaft, Politik und Theologie ist das Problem, das Weizsäcker durch seine Herkunft aufgegeben war; es verwies ihn schon als Schüler auf die Philosophie. Sein Schicksal führte ihn dazu, auf einer neuen Stufe die unausweichliche Verkettung dieses Zusammenhanges zu erfahren. Er studierte nicht Philosophie, sondern Physik, weil Werner Heisenberg ihn schon als Sekundaner davon überzeugte, daß er später in der Philosophie nur dann etwas leisten würde, wenn er vorher die neue Physik verstanden hätte. Dank der frühen Verbindung mit Heisenberg wurde er schon zu Beginn seines Studiums in den erregenden Prozeß eines Denkens einbezogen, das mit der Ausbildung der Atomtheorie das Weltbild der klassischen Physik gesprengt und seine radikale Wandlung in den Grundlagen unseres Denkens über die Natur herbeigeführt hat. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung stand der große dänische Forscher Niels Bohr; sein sokratischer Geist erzeugte jenes Medium, in dem die Revolution der Physik dann möglich wurde. Bohr war, wie jede Arbeit von Weizsäcker bezeugt, auch philosophisch im tiefsten Sinne des Wortes sein Lehrer.