Vom Anfang des Ersten Weltkriegs bis ins hohe Alter hinein hat Hauptmann an dem ebenso bedeutsamen wie unbekannten Dramenfragment „Der Dom“ gearbeitet. Die Reformation, der historische Hintergrund, auf dem das Werk angesiedelt ist, ist eines seiner großen Themen. Verstand Hauptmann doch Deutschland und deutsches Wesen unter dem Begriff einer permanenten Reformation. Der Dichter hat nie ernsthaft daran gedacht, die Vielzahl einzelner Szenen, Szenenbruchstücke und Entwürfe in ein geschlossenes Drama zu integrieren.

Die dramatische Form war lediglich die ihm gemäße dichterische Aussageweise für den tiefgründenden und weitausholenden Entwurf der eigenen Weltschau. Hauptmanns Anschauung: „Ein Doppelprivileg hat der Mensch: die Fähigkeit, Leiden zu ersinnen, Leiden zuzufügen, wie... kein Tier es vermag, und Leiden zu erdulden in einem Maße, hinter dem jedes Tier zurückstehen muß“, spricht aus den hier zum erstenmal abgedruckten Bruchstücken.

Sie sind ein bitter-sarkastischer Protest gegen das institutionalisierte Quälen und Morden der Menschen, darüber hinaus aber gegen die gleichsam metaphysische Gegebenheit des Leids, ein Protest, dem Satan/Satanael sich anschließt. Nach Hauptmanns zum Teil von der Gnosis beeinflußten Vorstellung ist Satanael/Luzifer der zweite, aber abgefallene Sohn Gottes. Gegenüber dem in Christus verkörperten Prinzip der Weltflucht bedeutet Luzifer (= Demiurg = Prometheus) Weltbejahung; er ist das schöpferische Prinzip und hat sich der Welt so total verschrieben, daß ihre Leiden auch die seinen sind.

Aus dem Dramenfragment „DER DOM“

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IM FOLTERKELLER

SATANAEL