Von Otto F. Beer

Es soll Leute geben, die sind imstande, einen ganzen Satz gleichzeitig auszusprechen. Etwas Ähnliches versucht Robert Neumann in seinem jüngsten Werk, seiner Autobiographie: ein ganzes Leben gleichzeitig zu erzählen, Jugend und Alter, Ahnen aus dem vorigen Jahrhundert und deutsche Wirtschaftswunderwelt, das Wien der Expressionistenzeit und das Tessin knapp vor der deutschen Eroberung, Emigration nach London und Besichtigung von Nachkriegs-Europa – alles, alles gleichzeitig. Über Zeit und Ort so bedenkenlos hinwegzuspringen, ist für gewöhnlich dem Menschen verwehrt. Es ist ein Prärogat der Geisterwelt. Tatsächlich ist eine der wichtigsten Personen dieses Buches ein Gespenst: eine Spukgestalt, die Neumanns Haus in Kent unsicher gemacht hat. Das Buch, in dem so Erstaunliches geschieht, ist Sollte es tatsächlich ein leichtes Leben gewesen sein, so wird es doch schwierig erzählt. Jeder Schreibende kennt diese Lust, den Leser durch Verschieben der Zeitdimension an der Nase herumzuführen. Und jeder Lesende weiß, daß Robert Neumann derlei Formexperimente meisterlich handhabt. Das Leben ein Kaleidoskop: erstes Steinchen Nachkriegs-Rivierafahrt mit einer kurzlebigen Liebe, zweites Steinchen der Strauß, den der junge Neumann, mit dem von ihm biographierten Sir Basil Zaharoff zu bestehen hatte, drittes Steinchen Emigration nach England, zwischendurch ein programmatisches Kapitel „Fiktion der Zeit“ mit Sätzen wie: „Aber ich habe ein tiefes Mißtrauen gegen die Kontinuität der Zeit. Sie reißt die Dinge aus dem Zusammenhang. Ich habe ein tiefes Mißtrauen bezüglich unserer Position in ihr. Die Zeit bleibt weg, als gäbe es sie gar nicht – und dann ist sie wieder da. Da bleibst du stehen – und dann ein Schub und du bist sehr viel älter als eben noch.“

Wer im Lesen Neumannscher Prosa über einige Übung verfügt, der wird dem Titel mißtrauen und vermuten, daß hier ein alles eher denn leichtes Leben geschildert wird. Bruchstücke davon hat man in den letzten Jahren schon da und dort gelesen: über seine Freunde die Kommunisten, über die literarische Hofhaltung seiner frühverstorbenen Schwester Viola in Wien, über seinen Strauß mit Alfred Andersch oder über die Firma Stefan Zweig, Literatur en gros. Die vertrackte und doch reizvolle Architektur des Buches mußte beim Vorausabdruck solcher Kostproben notwendigerweise draußen bleiben: „Ich habe eine Schwäche für das Glitzern, für die Facetten, für die Koffer mit den doppelten Böden, kurzum fürs Vertrackte, und vor allem für die Vertracktheit der Aggression.“ Dies merkt er an, als er die Vorgeschichte der „Olympia“ schreibt, der Krull-Schwester, deren Erfindung Prozeß und „Erbdamen-Geflatter“ provoziert hat. Als alter Mann sei er milde geworden, versichert er, und wenn er heute jemanden beleidige, so trage er es diesem nicht weiter nach.

Einer seiner ostjüdischen Ahnen war jener Jizchok Pilpel, dessen Familienname etwa soviel wie „scharfes Streitgespräch“ bedeutet: ein Großvater, der dafür berühmt war, daß er in jedem Theologendisput alle erdenklichen Wendungen voraussah und meisterte. Die Dialektik war also ein Familienerbstück. Das andere Erbstück ist jene solide Sorte Vorkriegssozialismus, die er wie einen Panzer vor sich herträgt: Er stammt vom Vater, den sein Beruf als Bankdirektor nicht daran gehindert hat, zu den Vätern der österreichischen Sozialdemokratie zu gehören. Und weil an seiner Wiege nicht so sehr die Musen standen wie die Götter der Börse, hat es auch einmal eine Firma „Robert Neumann & Co. Kommanditgesellschaft“ gegeben – keine sehr rühmliche Firma, wie man hier nachlesen kann, so wenig rühmlich wie das große Neumannsche Heringgeschäft, bei dem das Neumannsche Betriebskapital mit zunehmender Fäule der erstandenen sieben Waggons Fisch im wahrsten Wortsinn in den Lüften zerrann.

Robert Neumann „vom scharfen Streitgespräch“ begann seine literarische Karriere mit Parodien: ein Buch, das vorerst niemand haben wollte, erschienen, während der junge Autor als Frachtaufseher mit einem Tanker unterwegs war. Als er nach Europa zurückkehrte, erging es ihm wie dem „älteren Kollegen Byron“: Er wachte auf und war berühmt – und verfeindet mit den meisten, die er aufs Korn genommen hatte, also so ziemlich der gesamten deutschen Literatur jener Jahre. Später stellte sich heraus, daß während des tausendjährigen Reichs zwar alle Neumann-Bücher verbrannt worden waren, Goebbels aber im trauten Kreise mit Vorliebe die „fremden Federn“ las. („Goebbels, den ich für einen ehrlichen Schurken hielt!“) Die Lust an den fremden Federn hielt an bis zu jener späten Fortspinnung Krullscher Diktion in „Olympia“, vielleicht auch bis zu jenem skandalumwitterten Roman „Meine schöne Mama“, den Neumanns Frau in Kent schrieb, den er bearbeitete, einrichtete, so daß dann bei dem Rätselraten, wer jene Pseudonyme Mathilde Walewska sei, nicht zu Unrecht der Verdacht auf ihn fiel.

In Kent: dort bewohnte er in den Nachkriegsjahren ein mittelalterliches Haus, heiratete ein zweites Mal, und diese Jahre sind es, auf die vor allem er den Slogan „ein leichtes Leben“ gemünzt hat.

Das alte Gebäude hatte er als „The Best-House“ erstanden, und erst hinterher kam er darauf, daß es sich richtig „The Pest-House“ schrieb, ein mittelalterliches Spital, von dem jedermann – natürlich nicht Robert Neumann! – behauptet, daß es dort spuke. Jene abgeschiedene Dame, der man vor Jahrhunderten acht Pfund widerrechtlich vorenthielt und die nun den im zwanzigsten Jahrhundert dort Schlafenden erscheint, um sie an die acht Pfund zu erinnern, ist eine Zentralgestalt jener Jahre in Kent. Derlei schreibt sich gewiß nicht leicht. Es ist schwierig, an Gespenster zu glauben. Aber es ist unter gewissen Umständen ebenso schwierig, nicht an Gespenster zu glauben. Wie Robert Neumann – aufgeklärter Skeptiker, Ironiker, Intellektueller aus dem Atomzeitalter – diese heikle Geschichte gleichzeitig erzählt und nicht erzählt: das ist ein Paradestück seiner literarischen Equilibristik.