Auch wenn es heute nur wenigen. Bundesbürgern möglich ist, nach Mitteldeutschland zu reisen, Dresden oder Potsdam zu besuchen, Orte, die er aus eigenem Erleben oder nur vom Hörensagen kennt – wir wollen trotzdem von diesen Landschaften berichten. Es ist gut, sich ihrer viel öfter zu erinnern, als es gemeinhin geschieht.

Viele Deutsche kennen Venedig fast so gut wie irgendeine deutsche Stadt. Wir lieben die Beschaulichkeit und die Betriebsamkeit seiner Straßen aus Wasser mit seinen Gondeln und Gondolieri. Auch die Küste Dalmatiens und Bulgariens Schwarzmeergestade gehören längst zu den bevorzugten Reisezielen im Süden: Hier kann der – nicht nur an Bars und Bikinis interessierte – Nordeuropäer slawisches Brauchtum bewundern: Volkstrachten und -tänze und manches Relikt aus wechselvoller Geschichte ...

Wenige indes wissen, daß unser Deutschland beides – Gondel-Romantik und slawische Tradition – auf eigenem Boden beherbergt: Ein „Venedig im Taschenformat, wie es vor 1500 gewesen sein mag“, nannte der märkische Wanderer Fontane diesen Landstrich, den die Einheimischen noch gelegentlich mit „Blota“ bezeichnen, während wir ihn Spreewald nennen.

Die Spree bildet – eine Autostunde südöstlich Berlins, auf halbem Wege zwischen Lausitzer Bergland und der Spree-Metropole – eine eigentümlich romantische Landschaft: Ein Gewirr von Flußarmen, Fließen und Rinnsalen umschließt Hunderte von Inseln mit Gehöften und Feldern, kleine Ortschaften, Wiesen und vereinzelten Waldstücken. Durchgehende Straßen aus Asphalt sind hier – wie zu Fontanes Zeiten – fast unbekannt, und so ist der Spreewald bis heute jener weitab vom Getriebe, der Welt gelegene „Zauberwald“ geblieben, für den ihn die Bewohner der umgebenden Niederlausitz seit Urzeiten hielten. Ein Stückchen Rand-Deutschland, das seit einem Jahrtausend in einen zivilisatorischen Dornröschenschlaf versunken scheint.

So ist der Spreewald (unerreichbar, wie er für viele bleibt) ein Dorado für alle die, die eine träumerisch-verschlafene Landschaft noch zu lieben wissen. Und eine Fundgrube für jene, die hinter den Eisernen Vorhang reisen können. Hier, in einem Landstrich, wo sich deutlich sichtbar West-Europa und Slawisch-Europa miteinander verzahnen, hat seit anderthalb Jahrtausenden ein kleiner Slawenrest der Landschaft ihr Gesicht gegeben: die Sorben. Zu allen Zeiten von deutscher Obrigkeit niedergehalten und unter Hitler hart unterdrückt, genießen sie heute den besonderen Schutz der Ostberliner Regierung, die ihnen die kulturelle Autonomie zubilligte. Was jedoch einst übertrieben behindert wurde, wird heute, leicht übertrieben, aufpoliert: Ortsschilder und Fahrpläne sind zweisprachig gehalten, Cottbus heißt plötzlich wieder Chozjebuz, und im eigentlichen Sorben-Zentrum Bautzen oder Budysin erscheint täglich eine Zenitung namens „Nowa Doba“, zu deutsch „Neue Zeit“.

Doch bemerkt der Reisende gottlob wenig von diesen Politica. Die Politik begegnet einem nur in den Städten am Rande des Spreewaldes. Aber auch dort kommt der Tourist auf der Suche nach Sehenswürdigem auf seine Kosten. Da ist Lübben, an der Nahtstelle zwischen Ober- und Unterspreewald: Eine Kleinstadt, die wie ein Berliner Vorort wirkt, mit Renaissanceschloß und mächtigem Ständehaus und einem Überbleibsel vom einstigen Spree-Urwald, einem Eichenhain, wie man ihn in Deutschland nur noch selten trifft.

Inmitten der vom Kriege stark mitgenommenen Lübbener Altstadt steht jene Kirche, an der Paul Gerhardt lange Jahre wirkte und unter deren Altar er begraben liegt. Vor dem noch immer zur Hälfte zerstörten Kirchturm erhebt sich trutzig aus Geranienblüten das gewaltige Standbild des Liederdichters.