Von Kurt Wendt

Es entbehrte nicht der Pikanterie, daß der 10. Deutsche Bankiertag in München praktisch mit einer Bankinsolvenz eingeleitet wurde. In den Wandelgängen der Münchner Residenz gab es kaum ein anderes Gespräch als den Vergleichsantrag, den Frau Claere Stinnes-Wagenknecht und Sohn Otto für ihr persönliches Vermögen sowie für die offene Handelsgesellschaft Hugo Stinnes, Mühlheim/Ruhr, und die Tochtergesellschaften Hugo Stinnes Brennstoff-, Eisen- und Schiffahrtsgesellschaft, die Stinnes Schneidbetriebe KG und die Stinnes-Schrotthandel KG gestellt haben. Die Hugo Stinnes-Bank, eine Betriebsabteilung der Firma Hugo Stinnes, hat am Montag dieser Woche ihre Zahlungen eingestellt.

Damit hat zum zweitenmal innerhalb weniger Wochen der Name Stinnes für eine Sensation gesorgt. Erst kürzlich mußte die Firmengruppe von Hugo Stinnes jun. saniert werden. Damals hatten Claere und Otto Stinnes mit großem Eifer darauf hingewiesen, daß ihre Firmen keinerlei Verbindung zu Hugo Stinnes jun. hatten. Tatsächlich besteht seit Jahren zwischen Mutter Claere und Sohn Otto einerseits und dem Sohn Hugo andererseits eine tiefe persönliche Feindschaft, die auch schon in kostspieligen Prozessen ihren Niederschlag gefunden hat. Die Insolvenz seiner Familienkonkurrenz ließ denn auch Hugo Stinnes jun., der dank Münemanns Hilfe der Pleite gerade noch einmal entronnen war, nicht ruhen. Nun – da seine Verwandtschaft den Weg zum Vergleichsrichter antreten mußte – wies er darauf hin, daß er mit der insolvent gewordenen Gruppe nichts, aber auch gar nichts zu tun habe.

Die Stinnes-Gruppe III, wenn man diese Bezeichnung wählen darf, die Hugo Stinnes AG, Mühlheim/Ruhr, deren Aktien treuhänderisch von einer Bankengruppe für den Bund gehalten werden, steht wiederum weder Otto noch Hugo Stinnes jun. nahe sie ist also nicht von Schwierigkeiten betroffen.

Die Begründung für die Insolvenz der Gruppe Claire und Otto Stinnes (nebenstehend im Wortlaut Veröffentlicht) ist – wie in solchen Fällen üblich – knapp gehalten. Sie sagt beispielsweise nicht, warum es Otto Stinnes unmöglich war, seinen Gläubigern und den Einlegern der Stinnes-Bank letztlich klar zu machen, daß zwischen ihm und den Firmen seines Bruders keinerlei Beziehungen bestanden oder bestehen und er infolgedessen von den Schwierigkeiten seines Bruders Hugo unberührt geblieben ist. Offensichtlich hat aber bei den Gläubigern ein Höchstmaß an Empfindlichkeit bestanden, die sich daraus erklärt, daß die Stinnes-Bank im Zusammenhang mit der DM-Aufwertung Millionenverluste erlitten hatte, die – so war auf dem Bankiertag zu hören – dank der Hilfe der mit der Stinnes-Bank seit vielen Jahren befreundeten Dresdner Bank überwunden werden konnten. In eingeweihten Kreisen war die Krise allerdings nicht unbekannt geblieben.

Auch diesmal scheint wieder, vorsichtig ausgedrückt, bei der Bank gewagt gearbeitet worden zu sein. Denn sonst hätte der plötzliche Abzug von Einlagen nicht gleich in eine Krise münden müssen. Ausgangspunkt war offensichtlich die Kündigung von Euro-Dollar-Guthaben ausländischer Banken. Abzüge inländischer Guthaben kamen hinzu. Besonders im Falle der Euro-Dollar scheinen die Fälligkeiten nicht sorgfältig genug mit den ausgelegten Krediten abgestimmt worden zu sein.

War die Insolvenz zu vermeiden? Hätte man nicht nach einer "konstruktiven Lösung" suchen können, wie sie Finanzmakler Rudolf Mundmann im Falle Hugo Stinnes jun. gefunden hatte, als er – zusammen mit einer noch immer nicht namentlich genannten Schweizer Finanzgruppe – den größten Teil der Firmen von Hugo Stinnes jun. übernahm und ihn dadurch in den Stand setzte, seine Gläubiger voll zu befriedigen? Oder hat die Dresdner Bank, die im Falle von Claere und Otto Stinnes wohl Hauptgläubiger ist, nicht vielmehr die "herkömmliche" Lösung vor dem Amtsgericht sogar angestrebt? Das sind die Fragen, die während der Veranstaltung des Bankiertages in teilweise recht hitziger Debatte erörtert worden sind.