BREMEN (Theater am Goetheplatz):

„Die Hochzeit der Platäa“ von J.-Ph. Rameau

In Bremen wird unter der Generalintendanz von Kurt Hübner ein aufregender Versuch gemacht: Kann ein Stadttheater, dessen Mittel beschränkt bleiben, durch dramaturgische Initiative deutsche Spitze bilden? Bei den Berliner Festwochen hat soeben eine Bremer Inszenierung Peter Zadeks, „Die Geisel“ von Brendan Behan, den absoluten Rekord an Beifall erzielt. Zadek wiederholte im Theater der Freien Volksbühne Berlin auch seine Bremer Inszenierung von John Osbornes „Luther“-Stück. Die Bremer Aufführung war im ganzen besser als die Berliner, weil Bremen, von einer Ausnahme abgesehen, bessere Schauspieler einsetzen konnte als das Berliner Piscator-Theater! „Kurt Hübner ist offenbar entschlossen, in der zweiten Spielzeit... den Vorsprung einzuholen, den das Schauspiel... der Oper gegenüber erzielt hat.“ Diesen Eindruck gewann Horst Koegler, reisender Kritiker der Stuttgarter Zeitung, von der deutschen Erstaufführung „der Hübnerschen Mammutproduktion“ eines „Barock-Musicals“ von Rameau. Vor sieben Jahren ist „Die Hochzeit der Platäa“ unter Hans Rosbaud bei den Festspielen in Aix-en-Provence neu entdeckt worden. Es gibt davon eine Schallplattenaufnahme. Für Bremen hatte der Hamburger Gründgens-Dramaturg Robert Schnorr das Libretto neu übersetzt. K. H. Ruppel war damals in Aix dabei. Vergleichend stellte er in Bremen fest: „Ein Festspiel wurde parodiert, aber die Parodie wurde selbst wieder zum Festspiel... Beifall am Schluß: Windstärke 7“ (Süddeutsche Zeitung). Über die Musik: „Da ist nichts Akademisches, nichts Trockenes, nichts Ausgeklügeltes, sondern blühend frisches Leben“ (Koegler). Trotzdem: Das Werk hat „die Bremer Opernkapazität gründlich überfordert“. Auch Ruppel wendet ein: „Der junge Dirigent Hans Georg Schäfer, ein Sohn des Stuttgarter Generalintendanten, verwechselte barocke Klanggestik mit hektischer Aufgeregtheit... Daß Pausen nur Spannungsbrücken und keine Löcher sind, sollte Musikern, die Anspruch auf die hochtönende Bezeichnung ‚Philharmonisches Staatsorchester‘ erheben, eigentlich geläufig sein.“

DORTMUND (Städtische Bühnen):

„Timon von Athen“ von Shakespeare-Rothe

„Wohl noch nie stand Herr Professor Rothe mit mehr Berechtigung an Stelle von Shakespeare (beim Schlußapplaus) auf der Bühne. Er hat ‚Timon von Athen‘ nach den überlieferten Shakespeareschen Fragmenten neu gefaßt. Was sich als Fünfakter in der Übersetzung von Dorothea Tieck oder gar Johann Benda darbietet, ist eine wohlmeinende Paraphrase, die keine Ehrfurcht verdient... Die wenigen guten Szenen sind besser geworden ... die Modernisierung, der in diesem Fall keine liebgewordene Patina weichen mußte, nützte auch den Schauspielern“ (Deutsche Zeitung). Die Welt folgt der Neufassung zögernder, gesteht aber auch zu: „Das Stück ist in Rothes Fassung gewiß spielbar geworden – und es läßt sich fraglos keine überzeugendere Wiedergabe als die Dortmunder Uraufführung denken.“ Regie: Walter Czaschke, Ausstattung: Ekkehard Grübler.

MÜNSTER (Stadttheater):

„Napoleon oder die hundert Tage“ von Christian Dietrich Grabbe

Das war wohl eine Tour de force. Wer ihr beiwohnte, berichtet trotzdem voller Respekt von dem Versuch des münsterschen Intendanten Alfred Erich Sistig, ein als unspielbar geltendes Stück dem Theater zu gewinnen. 25 Schauspieler hatten in Münster hundert Rollen zu spielen. „Sie lieferten sich auf offener Bühne eine abendfüllende Verwandlungsschlacht“, schreibt die Frankfurter Abendpost. „Sistig hatte ein klares Konzept; die hundert Tage in einer überrealistischen Schau zu präsentieren ... Ein hervorragender, bedeutsamer Theaterabend.“ Die Welt stimmt zu: „Das war ein gewaltiger, achtunggebietender Saisonauftakt. Und ein bedeutendes theatralisches Experiment dazu.“ Sistig „erfand den Umweg über Brecht und die Mysterienspiele. Barrault spielte ein bißchen den Wegweiser. Und Film und Funk gaben dienliche Hinweise. Und siehe: Sistig schaffte es, daß er – abgesehen von den kolossalen Schlachtszenen – keine der bislang für unspielbar geltenden Szenen zu streichen, brauchte.“ Das Resümee der Stuttgarter Zeitung: „Sistigs Inszenierung trifft den Nerv des Stückes ... Man mußte, sich fragen, warum der Spürsinn der Theaterleiter nach 1945 so versagt hat... Damals schon wäre dieses Stück fällig gewesen als erregendes Modell für das unselige Zusammenspiel von Führer und Geführten oder Verführten... Die Inszenierung von Sistig... auf Carl Wilhelm Vogels den ganzen Abend gleichbleibendem Stahlrohrgerüst hat den Beweis erbracht, daß das Stück von zündender Kraft ist.“ Den Napoleon spielte Werner Rundshagen. Jac

MÜNCHEN (Residenztheater):

„Der eingebildete Kranke“ von Molière

Es bedarf keiner besonderen Versicherung, daß Molière mehr war als ein bloßer Spaßmacher. Daß er aber auch schließlich kein Tragiker mit mystischem Einschlag war – was deutsche Spitzfindigkeit immer wieder gern aus ihm machen möchte –, das zu bekräftigen, hatte man anscheinend Roland Piétri eingeladen, im Münchner Residenztheater den „Eingebildeten Kranken“ zu inszenieren. Was unter seinen ebenso sicheren wie behutsamen Händen, gefördert von Jean-Denis Malcles als Schöpfer milieuechter Kostüme und reizender Dekorationen, sowie mit sparsamer Verwendung der Musik des Zeitgenossen Charpentier herauskam, war eine geistreich temperierte Studie possenhafter Egozentrik. Die ungestrichene angehängte Satire auf akademischen Wissenschaftsdünkel (durchaus nicht nur auf erwiesene Quacksalberei gezielt!) ließ deutlich werden, daß der Dichter hier eigentlich eine Doppel-Komödie meinte, die dem eingebildeten Krankenden eingebildeten Gesundmacher als Pendant gegenüberstellt. In diesem Sinne hielt Max Mairisch seine Rolle als Argan mit doppelbödiger Humorigkeit durch, gleich glaubwürdig im hypochondrischen Leiden wie im lächerlichen Triumph der Promotion zum Doctor medicinae. A-th