Es gärt im Deutschen Gewerkschaftsbund. Nach der IG Bau, der IG Textil und der IG Bergbau hat nun auch die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) zu erkennen gegeben, daß man im gewerkschaftlichen Aktionsbereich auf der Suche nach neuen Wegen ist.

Die Rede, die der erste Vorsitzende der DPG auf dem Kongreß in Karlsruhe hielt, ist in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert. Carl Stenger sprach zum Thema „Vermögensbildung in Arbeiterhand“ und erteilte allen Miteigentums- und Investivlohnplänen, weil in einer freien Gesellschaft und freien Wirtschaft undurchführbar, eine klare Absage; und er rechnete seinen Gewerkschaftskollegen vor, daß selbst dann, wenn man die gesamte Selbstfinanzierungsrate der deutschen Industrie in den vergangenen zehn Jahren bis an den Rand des wirtschaftlich Möglichen auf alle 20 Millionen Arbeitnehmer „umverteilt“ hätte, auf jeden Arbeiter und Angestellten nicht mehr als etwa 100 Deutsche Mark „Vermögensbildung“ im Jahr entfallen waren.

„Ich glaube nicht, daß das, was man früher sehr treffend die soziale Frage nannte, vom Eigentum an den Produktionsmitteln zu lösen ist“, sagte Stenger.

Und: „Seit dem Wirksamwerden der EWG geht auch bereits die hohe Selbstfinanzierungsrate an den Investitionen zurück... Ich möchte fast die Behauptung wagen, daß in gar nicht langer Zeit, wenn einmal, wie ich hoffe, auch der Rest an protektionistischen Handelsschranken beseitigt ist, diese Debatte rückschauend nur wie ein gespenstiges Schattenboxen wirken wird. Auf die Amerikaner dürfe sie heute schon wie eine der zahlreichen Marotten eines Kontinents wirken, der nicht von den Ideen der Vergangenheit loskommt.“

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Mut der Reformflügel des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zu dem man wohl auch den Vorsitzenden der Deutschen Postgewerkschaft zählen muß, von Vorstellungen Abschied zu nehmen im Begriff ist, die nicht mehr in unsere Zeit passen. Um so unverzeihlicher wäre es, wenn die Unternehmer die sich ihnen jetzt bietende Chance verpassen würden, auf einer realistischen Basis mit den Gewerkschaften in ein sachliches Gespräch über ihre legitimen Forderungen zu kommen, kr