cha, Bonn, Mitte Oktober

Der Bundestagsabgeordnete Hermann Diebäcker wollte von Bundesschatzminister Dollinger wissen, wieviel Diplomvolkswirte und Diplomkaufleute er in seinem Hause im höheren Dienst beschäftigt. Die Antwort, die er in der Fragestunde des Bundestages von Dollingers Staatssekretärs Kattenstroth erhielt, war niederschmetternd.

Nur fünf von insgesamt 74 Stellen des höheren Dienstes sind im Bundesschatzministerium mit wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Kräften besetzt – in einem Ministerium, das u. a. den größten Industriekonzern der Bundesrepublik verwaltet. Die für die industriellen Beteiligungen des Bundes zuständigen Referenten sind ausnahmslos Juristen. Unter den zehn Beamten und Angestellten des höheren Dienstes, die für das ERP-Vermögen verantwortlich sind, finden sich ein Diplomvolkswirt und zwei Diplomkaufleute. Der vierte Wirtschaftswissenschaftler ist der persönliche Referent des Ministers, und der fünfte schließlich betätigt sich ausgerechnet in der ERP-Vorprüfungsstelle. In der Bauabteilung des Ministeriums, wo doch ständig auch konjunkturpolitische Fragen anstehen, ist nicht ein einziger Wirtschaftswissenschaftler tätig.

Daß der Miniser selbst Diplomkaufmann ist, kann diesen offensichtlichen Mangel an wirtschaftswissenschaftlich geschulten Kräften schwerlich wettmachen.

Diebäckers Frage traf ins Schwarze. Kann der Bund bei seiner unmittelbaren wirtschaftlichen Betätigung wirklich ohne Schaden auf die verantwortliche Mitarbeit qualifizierter Wirtschaftswissenschaftler verzichten? Minister Dollinger und sein Staatssekretär sagen kategorisch nein. Vor allem Staatssekretär Kattenstroth weiß aus seiner wirtschaftsministeriellen Zeit die Mitarbeit junger Diplomvolkswirte und Diplomkaufleute zu schätzen. Doch fehlen Planstellen, und auch die beamtenrechtlichen Karrierechancen der Absolventen eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums sind im Bundesdienst nach wie vor gering.

Kein privater Unternehmer verzichtet heute auf den Sachverstand akademisch geschulter Wirtschaftler, sobald er in eine bestimmte Größenordnung hineingewachsen ist. Der Bund als Superunternehmer kann sich einen solchen Verzicht-Luxus schon gar nicht leisten.