Lissabon, im Oktober

Nach dem mageren 3 : 3 in Irland gegen Distillery F.C. glaubten manche, auch die Stunde des S.L. Benfica habe nun geschlagen. Zum Rückspiel kamen „nur“ 35 000 in das Riesenstadion des Lissaboner Vorortklubs, der seit Jahren mit F.C. Santos und Real Madrid um den Titel der besten Mannschaft der Welt streitet, den es offiziell allerdings vorerst gar nicht gibt.

Obwohl es am Tage in Lissabon noch drückend heiß war, wehte, wie oft, am Abend eine kühle Brise vom Meer her, und die Kissenvermieter hatten reißenden Absatz, denn im Benfica-Stadion gibt es nur steinerne Sitzbänke. Das Stadion könnte ein architektonischer Scherz sein, denn die Gegentribüne türmt sich wie eine gigantische Muschel in die Höhe und überragt das übrige Rund fast um das Dreifache.

Das Flutlicht ist noch nicht voll eingeschaltet. Aus dem Lautsprecher tönt Musik, auch ein deutscher Marsch, und immer wieder Reklame. Ein paar berühmte Radfahrer drehen – freundlich applaudiert – eine Ehrenrunde, und einige Reklameträger ziehen in riesigen Portweinflaschen aus Pappe langsam um die Bahn.

Der Besitzer des Wagens Nummer soundso wird über den Lautsprecher aufgefordert, sein den Verkehr behinderndes Vehikel wegzufahren. Schließlich wird die Mannschaftsaufstellung verkündet. Temperierter Beifall für die Iren, frenetischer für Benfica. Das Flutlicht wird jetzt auf volle Luxstärke geschaltet – es strahlt „heller als der lichte Tag“. Die Spieler laufen aufs Feld, pardon auf die Bühne – die Irländer ganz in Weiß, nur ihr Goalkeeper trägt einen Sweater im Grün seiner Insel. Benfica in knallroten Trikots und Strümpfen. Und nun knattert der Mann am Lautsprecher nochmals wie Maschinengewehrsalven seine Werbeslogans in die erregte Menge. Als es losgeht, schaue ich auf die Uhr: es ist 21 Uhr 55 Minuten, fünf Minuten vor zehn! Der volle Mond steht am Himmel, aber sein matter Glanz ist hier nicht gefragt! Hier wird mit anderen Lichtstärken aufgewartet.

Schon nach den ersten Minuten wird offenkundig, daß wieder einmal System gegen Intuition steht. Die Iren spielen schottisch flach, schnell und direkt, aber ohne Phantasie; die Portugiesen greifen mit immer neuen verwirrenden und nicht zu berechnenden Spielzügen an, wobei das Tempo jäh wechselt. Eben noch scheint eine harmlose Tändelei im Gange, als urplötzlich blitzschnell zugestoßen wird, und sofort „brennt es lichterloh“ vor dem irischen Tor, wie es im Fußballjargon heißt.

Und dieser Eusebio der hier auf Rechtsaußen stürmt! Bei einem Vergleich mit Pele hat er es von vornherein schwer. Der Brasilianer ist schon von der Figur her ein Vollblut-Athlet – der kohlschwarze schlanke Neger aus Mozambique hat aber alles andere als einen wohlgebauten Körper. Aber wenn er in Riesensätzen, wobei ihm der Ball am Fuß zu kleben scheint, auf und davon zieht, oder wenn er plötzlich im Slalomlauf mit ganz kurzen Sprüngen in den Strafraum einbricht und die halbe irische Mannschaft ausknickt, oder wenn er einen herrlichen Effetschuß aufs Tor feuert, wird seine Weltklasse offenbar. Sicher wird er einer der großen Stars der Weltelf sein, die am 23. Oktober zum hundertjährigen Jubiläum des englischen Fußballverbandes in Wembley antritt.