Nun wandte der Wissenschaftler die gleiche Methode an, mit der unser Engländer den Vogelgesang untersucht hatte. Gegeben war das Verhalten des Käfers, gesucht wurde sein visueller Mechanismus. Reichardt entwarf ein sogenanntes Blockdiagramm, eine "theoretische Maschine", die sich, wäre sie konstruierbar, in jedem einzelnen Fall genau so verhalten müßte wie der Rüsselkäfer.

Von diesem Schema konnte der Forscher ablesen, nach welchem Prinzip das Nervensystem des Tieres eine Geschwindigkeit registriert. Der Käfer nimmt die Bewegung eines Objektes wahr, ohne dessen Gestalt zu erkennen. Er benötigt dazu nur zwei Facetten seines Auges, die den Gegenstand, da er sich bewegt, zu zwei verschiedenen Zeitpunkten aufnehmen. Im Gehirn werden die beider; hintereinander eintreffenden, gleichartigen Signale dann, grob gesagt, zu einem Produktreiz kombiniert, der für die Geschwindigkeit des gesehenen Objektes charakteristisch ist.

Weder die Augen noch die Nervenbahnen des Käfers hat Reichardt untersuchen müssen, um hinter das Geheimnis des Sehvorganges zu kommen. Allein das Verhalten des Tieres unter den verschiedensten Bedingungen und freilich eine geniale mathematische Interpretation der Beobachtungen genügten dem Forscher zu der Entdeckung einer bisher unbekannten Methode der Geschwindigkeits-Registrierung.

Inzwischen hat man nach dem Rüsselkäfer-Modell ein Flugzeug-Tachometer gebaut, ein Instrument, mit dem die Geschwindigkeit über Grund gemessen wird.

Froschaugen für die Flak

Ebenfalls der Luftfahrt – freilich in erster Linie der militärischen – soll ein Gerät dienen, das Flugzeuge vom Boden aus erkennen kann. Es wurde im Auftrag der US Air Force von mehreren Firmen gebaut. Eine vorüberziehende Wolke oder ein Vogel, der in das Blickfeld des Apparates gerät, läßt diesen völlig kalt, doch sobald ein Flugzeug, gleich welchen Typs, erscheint, schlägt die Maschine Alarm. Für ihre Konstruktion diente als Vorbild das Froschauge und das mit ihm verbundene Nervensystem.

Der Frosch hat vier verschiedene Arten von Detektoren, mit denen er einfache visuelle Eindrücke grob registriert. Der eine Detektor spricht zum Beispiel nur auf Veränderungen der Helligkeit an, ein anderer nimmt lediglich bewegte runde oder ovale Gegenstände wahr. Statt des Bildes einer vorüberfliegenden Mücke erfaßt das Tier nur eine abstrakte Gestalt: etwas sich bewegendes Konvexes, sonst nichts.