Jahrmillionen lang konnte der Frosch den Lebenskampf mit diesem visuellen System bestehen, deshalb blieb er im Verlaufe der Evolution auf dieser primitiven Stufe stehen. Glücklicherweise, denn dank seiner Primitivität ließ sich dieser Seh-Mechanismus in allen Einzelheiten studieren und technisch nachbilden. Die amerikanischen Forscher Jereome Y. Lettvin und Umberto R. Maturana, denen dies gelang, machten ihre Entdeckung im Gegensatz zu Reichardt direkt an den Sensoren und Nervenbahnen der Tiere mit ultrafeinen Elektroden und mikroskopischen Untersuchungen.

In den meisten Fällen jedoch entdeckte man erst nachträglich in der Natur die Funktionsweisen, die der Mensch für seine Maschinen erfunden hat. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Echolotung der Fledermaus. Auf seiner Nahrungssuche stößt das Tier ungefähr zehn kurze Ultraschall-Rufe pro Sekunde aus und lauscht mit seinen großen Ohren nach dem Echo. An der Art dieses Echos kann die Fledermaus erkennen, ob es von einem Insekt, einem Baum oder Fels reflektiert wurde, ob sie also hinfliegen oder den Kurs ändern soll.

Sonar- und Radar-Systeme dieser Art hat man noch bei vielen anderen Tierarten entdeckt, bei Vögeln zum Beispiel, bei einigen Fischen und dem Delphin; aber als der Mensch das erste Sonar baute, um damit U-Boote zu orten, waren diese Beispiele aus der Natur noch unbekannt.

Unbekannt war es auch den Erfindern der Dampfmaschine und des Automobils, daß ein Arbeitsprinzip der Kolbenmotoren bereits in der Natur verwirklicht war, und zwar bei der gemeinen Stubenfliege. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß zwei Flügelschläge der Fliege so rasch aufeinanderfolgen, daß sie unmöglich von einem Nervenzentrum aus gesteuert sein können. So schnell laufen die Nervenimpulse nicht. Daher muß ein Flügelschlag den nächsten automatisch nach sich ziehen, so wie jeder Kolbentakt im laufenden Motor von dem vorhergehenden bewirkt wird.

Doch nicht nur für Kolbenmaschinen hätte die Fliege als Vorbild dienen können, sondern auch für den Kreiselkompaß: Winzige Vibrationskörper, die sich an den Flügelenden des Insekts befinden, reagieren auf plötzliche Richtungsänderungen im Flug wie Gyroskope. Mit Hilfe dieses Vibrationskompasses hält die Fliege ihre Balance. Übrigens werden gegenwärtig nach diesem Vorbild der Natur sogenannte "Vibro-Gyros" als Stabilisationshilfen für Flugzeuge gebaut.

Die biologischen Funktionsprinzipien haben sich im Laufe von vielen Millionen Jahren entwickelt. Es ist daher kein Wunder, daß die Techniker versuchen, derart altbewährte Methoden zu kopieren. Freilich, die Natur ist auch auf manche höchst praktische Ideen nicht gekommen; sie hat zum Beispiel nicht das Rad als Bewegungsmechanismus hervorgebracht. Hätten wir uns bei der Konstruktion von Transportmitteln an die biologischen Modelle gehalten, dann müßten wir jetzt mit "Laufzeugen" über die Autobahn traben.

Hier setzt die Kritik an der bionischen Forschung an. Manche Wissenschaftler glauben nämlich, daß man heutzutage zuviel Mühe aufwendet, um so hoffnungslos komplizierte Systeme wie etwa das Gehirn nachzubauen. Bei derartigen Versuchen werden der Phantasie des Technikers Fesseln angelegt, sagen die Kritiker. Schließlich hat auch die Imitation des Vogelfluges nur zu Unfällen geführt; fliegen hat der Mensch erst gelernt, als er sich ein unnatürliches Propellerflugzeug konstruierte.