Ende der „Telephonaffäre“? Schluß mit unnötiger Postschnüffelei? In beiden Fällen ist die „Kleine Untersuchungs-Kommission“ des Bundestages zu einem vorläufigen -Ergebnis gekommen. Pause. Erst einmal Luft holen für die Frage: War die Kritik der ZEIT, die all die Unruhe angerichtet hat, nun zersetzend oder aufbauend? Schadete sie oder half sie der Republik?

Ein klassischer Fall, wie ich meine. Die verantwortlichen Männer, die aufgeschreckt wurden, sie mußten zuerst den Eindruck haben: „O weh, dicke Luft!“ (Und Teufel noch einmal: Zersetzende Kritik!) Aber heute ist die Luft reiner. (Gottlob: Aufbauende Hinweise!)

Zuerst hatte Innenminister Höcherl ganz vernünftig reagiert. Daß er zu wenig informiert war (auch über die Zugehörigkeit höherer SS-Dienstgrade Zum Verfassungsschutzamt), das macht ihm keine Schande. Kein Mensch verlangt, daß der Chef eines so großen Dienstbereiches, wie es das Bundesinnenministerium nun einmal ist, alles, rein alles wissen solle. Folglich war jeder vernünftige Mensch zufrieden, als der Minister Prüfung versprach und gegebenenfalls Änderung. Mehr hatte auch niemand von ihm verlangt. Dann aber fühlte er, daß er persönlich in eine Schußlinie geraten sei. Er grub sich ein. Tarnte sich. Schoß ungezieltes Abwehrfeuer. In diesem Moment gefragt, ob unsere Kritik immer noch aufbauend oder schon zersetzend sei, hätte er geantwortet; „Kritik? Salmiak!“

Und dann zeigte er zwei ZEIT-Redakteure an, die es gewagt hatten, halb so temperamentvoll zu sein wie er, der Herr Höcherl. (Oh, wir werden dem Dr. Adenauer noch manchmal nachweinen! Denn obwohl auch er nicht immer der Feinste war im politischen Benimm, so ist es jedoch nie seine Art gewesen, gleich zum Kadi zu laufen. Lieber doppelt scharf auf seinen Angreifer zurückgehauen, den auch er oft für keinen Aufbau-Kritiker, sondern für einen schweinhundmäßigen Zersetzungs-Kritiker hielt.)

Nun könnte man freilich. fragen: Wenn Höcherl das Gesetzbuch als notwendiges Vademecum für Journalisten betrachtet, das Grundgesetz für Beamte aber nicht (man kennt seinen Ausspruch) – hat er da vielleicht eine höhere Meinung von Zeitungsleuten als von Beamten? Vielleicht hat er sie. Und wenn’s denn wirklich so ist, dann wollen wir aufseufzend sagen: „Na schön! Her mit den Klagen!“

Herr Güde, heute MdB, früher Generalbundesanwalt, hat als Mitglied der „Kleinen Kommission“ gesagt, daß er von gewissen Voraussetzungen dessen, was man „Telephon-Affäre“ und „Post-Schnüffelei“ nennt, gewußt habe. Er habe sich gewundert, niemanden einschreiten zu sehen. Später hat er’s dann vergessen. So etwas kommt vor, überall und bei jedem; ebenso wie es vorkommt, daß ein Minister nicht alles weiß.

Man fragt sich bloß: Wenn Güde gesprochen hätte, als er noch in seinem hohen Amt war, wäre er dann wegen zersetzender Kritik von den Ministern getadelt oder wegen aufbauender Hinweise gelobt worden?