Von Peter Hamm

Für die schwedische Literatur wurde nach 1945 im deutschen Sprachraum nicht viel getan. Während man im allgemeinen die Literaturen der Länder, von denen man zwölf Jahre lang systematisch abgeschnitten war, in manchmal eher unkontrolliertem Eifer zurückeroberte, vergaß man die skandinavische; bei der man sich noch vor vierzig Jahren am wohlsten gefühlt hatte, nahezu ganz.

Verwunderlich ist das vor allem, was die schwedische Lyrik angeht, die seit fünfzig Jahren eine faszinierende Aufwärtsentwicklung erlebt hat. Tatsächlich kann Schweden heute eine Reihe von Dichtern aufweisen, denen wir keine vergleichbaren Größen entgegenzusetzen haben. Einige von ihnen, Gunnar Ekelöf, Karl Vennberg, Erik Lindegren und Ragnar Thoursie, kamen einmal in der von Alfred Andersch redigierten Zeitschrift Texte und Zeichen knapp zu Wort; Ekelöf, Harry Martinson und Vennberg (leider nicht Artur Lundkvist und Lindegren) konnte man auch in Enzensbergers "Museum der modernen Poesie" entdecken.

Doch mit dem gebührenden Nachdruck trat für die neue schwedische Poesie bisher nur Nelly Sachs ein, die 1940 in Stockholm vor den Nationalsozialisten Zuflucht suchte und fand und seither den Schweden immer wieder ihre Dankbarkeit mit kostbaren Übertragungen ihrer Poesie bekundete; 1947 ließ sie im Aufbau-Verlag ihre Anthologie "Von Welle und Granit" erscheinen, 1956 brachte sie im Georg-Büchner-Verlag eine zweite Sammlung schwedischer Lyrik unter dem programmatischen Titel "Aber auch diese Sonne ist heimatlos" heraus. Leider fanden beide Bücher nicht den nötigen Nachhall. Daran könnte vielleicht die Tatsache etwas ändern, daß nunmehr zwei der wichtigsten schwedischen Lyriker auch in Einzelausgaben vorgelegt werden –

Gunnar Ekelöf: "Poesie", schwedisch–deutsch, übersetzt von Nelly Sachs, herausgegeben von H. M. Enzensberger; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 100 S., 10,80 DM

Erik Lindegren: "Weil unser einziges Nest unsere Flügel sind", zweisprachig, aus dem Schwedischen von Nelly Sachs; Luchterhand Verlag, Neuwied; 92 S., 8,50 DM.

Den 1907 geborenen Ekelöf kann man als Antipoden des gleichaltrigen Artur Lundkvist bezeichnen; verkörpert Lundkvist etwa den Neruda-Typ mit seinem engagierten weltverbrüdernden Pathos, so stellt Ekelöf den Typ Eliots dar (den er 1942 ins Schwedische übersetzte), introvertiert, äußerst distanziert, gelehrt, mißtrauisch aus Passion, pessimistisch bis hin zu jenem hochmütigen Pessimismus, der in eine Fortsetzung des Optimismus mit anderen Mitteln umchlägt. Die äußere Biographie Ekelöfs ist dementsprechend wenig aufregend: Studium der Literatur und Orientalistik in Uppsala, Paris und London, dann Mitherausgeber zweier schwedischer Zeitschriften, Übersetzer (vor allem französischer Surrealisten), Kunst- und Literaturkritiker, seit 1958 Mitglied der Schwedischen Akademie.