Wollen die Amerikaner die Zahl ihrer in Europa stationierten Truppen verringern? Die Frage ist seit einiger Zeit immer wieder zu hören. Sie wurde abermals laut, als der stellvertretende US-Verteidigungsminister Gilpatric am vergangenen Wochenende erklärte: „Vor dem Militärapparat der Vereinigten Staaten liegt eine Reihe evolutionärer Veränderungen in der Zusammensetzung und der geographischen Stationierung der in Übersee postierten Verbände.“ Das Bundesverteidigungsministerium läßt in Washington Erkundigungen einziehen, was damit gemeint war – und ob etwa McNamaras Wort hinfällig sei, die USA würden die Frage einer Truppenverminderung in Europa für die nächste Ministerratstagung der NATO nicht auf die Tagesordnung setzen.

In dieses Wort McNamaras lassen sich schwerlich Zweifel setzen – jedenfalls nicht im Augenblick. Aber für die Zukunft? Gilpatrics Andeutung, die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten in der Alten Welt werde bleiben, doch würden, neue Formen dieser Präsenz möglich, weist in die Richtung, in die sich die Gedanken der Männer im Pentagon wohl mehr und mehr entwickeln werden. Zwei Faktoren beeinflussen diesen Entwicklungsprozeß. Beide sind nicht unabänderliche Größen, sondern unterliegen durchaus dem Einfluß der Europäer.

Der eine Faktor ist die amerikanische Zahlungsbilanz. Der Sorge um die damit verknüpften Probleme entstammt eines der Hauptmotive dafür, daß die Amerikaner sich über eine Verringerung ihrer Truppen in Übersee den Kopf zerbrechen. Das begann mit der Anderson-Dillon-Mission vom Dezember 1960 schon in der Ära Eisenhower, und es ist denn wohl auch kein Zufall, daß der ehemalige Präsident in einem Zeitschriftenartikel diese Woche dafür plädierte, die US-Streitkräfte in Europa auf eine symbolische Division zu reduzieren. Die Europäer müssen also alles tun, den Amerikanern ihr Zahlungsbilanz-Problem zu erleichtern. Vor diesem Hintergrund gewinnen die vielstrapazierten Hähnchen ihr politisches Gewicht – und erst recht die bevorstehende Kennedy-Runde der GATT-Verhandlungen.

Ebenso gewichtig ist freilich der andere Faktor, die Meinungsverschiedenheiten über die richtige Verteidigungsdoktrin: nuklear oder konventionell? Ein amerikanischer Stratege – ein akademischer Stratege, doch mit guten Beziehungen zum Pentagon – sagte neulich unmißverständlich, falls die Europäer wirklich eine rein atomare Strategie wünschten, so brauchten sie sich nicht zu wundern, wenn sich Washington schließlich darauf einlasse, dann aber die meisten US-Soldaten nach Amerika zurückhole; die Anwesenheit der US-Truppen in der jetzigen Stärke habe in Europa nur einen Sinn, wenn die Verbündeten auch die neue Strategie des Pentagon akzeptierten und ihrerseits die entsprechenden Truppen aufstellten.

Die Technik macht es möglich, daß die USA ihre strategischen Reserven im Heimatland zu Lasten der in Übersee stationierten Streitkräfte starken; das wäre billiger und vielleicht sogar militärisch vertretbar. Psychologisch hätte es allerdings verheerende Folgen. Durch ihre Wirtschafts- und Militärdoktrin müssen die Europäer dafür sorgen, daß es nicht am Ende politisch möglich wird. Gerade die Bundesrepublik sollte das zu verhindern trachten. Th. S.