Die Anwesenheit Artur Rubinsteins in Hamburg vor zwei Wochen hat Aufsehen nicht erregt und nicht erregen können. Sein Besuch galt ausschließlich der Firma Steinway. Er hat einen Flügel für sich gekauft, und da seine israelischen Freunde ihn gebeten hatten, ihnen bei der Auswahl von Konzertinstrumenten behilflich zu sein, sprang zur Freude der deutschen Steinway-Mitarbeiter eine größere Bestellung heraus.

Nachdem Rubinstein schon anläßlich einer Pressekonferenz in Tel Aviv klargestellt hatte, daß es keineswegs ein unerschütterlicher Grundsatz sei, der ihn bisher vom deutschen Publikum ferngehalten habe, wäre vielleicht in Hamburg Gelegenheit gewesen, Beziehungen zu Konzertdirektionen anzuknüpfen. Dies mußte jedoch einfach deshalb versäumt werden, weil der große Pianist ausschließlich der Instrumente und nicht des Publikums wegen in Hamburg Station machte. (Die Flügel in den Konzertsälen der USA sind „schärfer“ intoniert, so daß tatsächlich ein Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem deutschen „Steinway“ besteht. Und es scheint, daß die wärmere Klanggebung des Hamburger Fabrikats den großen Virtuosen geneigt macht, speziell für Schallplatten-Aufnahmen den Flügel aus Deutschland vorzuziehen.)

Artur Rubinstein, der mit Recht als einer der größten Pianisten der Welt gilt, ist mit 73 Jahren immer noch von unerschöpflicher Vitalität. Von seinen beiden Wohnorten New York und Paris aus bereist er unermüdlich die Musikzentren. Seine Schallplatten werden besonders in Deutschland sehr geschätzt, und als er kürzlich im holländischen Nimwegen konzertierte, erlebte er es, daß ein großer Teil des Publikums aus jungen Leuten bestand, die aus dem nahen Deutschland gekommen waren, um den großen Mann zu hören.

Sehr im Gegensatz zu dem, was internationale Gerüchte wissen wollten, ist Artur Rubinstein kein Mensch, der hassen kann. Zwar hat auch er Anverwandte während der Nazi-Herrschaft in Polen verloren, aber er vergißt nicht, was er, der als armer Junge aus Lodz nach Berlin kam, seinen deutschen Lehrern, vor allem dem Meisterpädagogen Breithaupt, verdankt. Seit er als Zwölfjähriger in Berlin zum ersten Male mit gewaltigem Erfolg an die Öffentlichkeit trat, ist er, was seine Kunstauffassung angeht, ein deutscher Pianist geblieben.

Mit den Facharbeitern und Handwerksmeistern der Hamburger „Steinway“-Fabrik verstand er sich vom ersten Moment an ausgezeichnet – wie immer Leute, die etwas von ihrem Fach verstehen, auch untereinander schnell in guten, ja herzlichen Kontakt kommen. Sollte diese kurze Begegnung in Hamburg die Anregung werden können, daß Artur Rubinstein wieder den Weg in die deutschen Konzertsäle findet, so würden wir dies dankbar aufnehmen, als ein Zeichen, der Versöhnung, als ein schönes Geschenk. J.M.-M.