In der „Außenpolitik“ (Heft 9) legt der Botschafter außer Diensten und Abgeordnete Ernst Wilhelm Meyer dar, daß auch jetzt noch Hoffnungen für die deutsche Einheit bestünden. Voraussetzung sei, daß wir wesentliche Zugeständnisse erst für die Wiedervereinigung, aber nicht bereits für eine Lösung der Berliner Frage machten. Mit aller Vorsicht, aber auch in aller Stetigkeit müsse ein Klima für Verhandlungen über einen Friedensvertrag geschaffen werden. Dazu könne ein Besuch von Bundestagsabgeordneten in der Sowjetunion gehören, auch die Schaffung einer „Bundesrepublik-Sowjetunion-Gesellschaft“. Zu überlegen sei eine Modifizierung der Hallstein-Doktrin (etwa in der Richtung, daß sie nicht gelten könne für Staaten, die die Zone bereits Früher anerkannt hätten). Aber man müsse sich darüber im klaren sein, daß der Weg nach Moskau nicht über Warschau gehen könne. Meyer hofft, daß es der westlichen Generalität möglich sein werde, einen Plan zu durchdenken, der in fünf oder sieben Jahren zur Räumung Deutschlands von fremden Truppen führte. Als weltpolitische Zukunftsmöglichkeit, die auch die Wiedervereinigung erleichtern würde, sieht Meyer ein System des Gleichgewichts der Kräfte an, das die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Europa, die Sowjetunion, China und das nichtkommunistische Asien umfassen würde.

Zusammengewachsene Städte

In einem höchst pessimistischen, aber auch höchst instruktiven Aufsatz beschäftigt sich Lewis Mumford im „Merkur“ (Nr. 187) mit dem „Mythos von Melagopolis“. Er weist nach, daß die Ballung in den Riesenstädten und die Enthaltung (durch Herausfließen aus. den alten Stadtgrenzen) zueinander gehören. Der Preis, der für beides gezahlt werden muß, ist ungeheuer. Ein einziges Beispiel mag genügen: Vor fünfzig Jahren fuhr man in den Straßen von New York doppelt so schnell mit dem Pferdefuhrwerk wie heute mit dem Kraftwagen. Je mehr die Städte auseinanderfließen, um so mehr wachsen sie mit den anderen Städten des Gebietes zu einer gestaltlosen Einheit zusammen. Die Städte verlieren den Rest ihrer. Individualität. Der Versuch, aus Melagopolis zu entfliehen, versperrt alle Straßen. In diesem neuen Typ einer zwischenstädtischen Gesellschaft kann nichts geschehen, was nicht durch eine Massenorganisation geschehen kann, die durch einen gleichförmigen, von der Zentrale aus bedienten Apparat tätig wird. Da es gleichgültig ist, wo der Standort dieser Zentrale sich befindet, verschwindet der Daseinsgrund der Stadt. Das Stichwort für den „nachgeschichtlichen Menschen“ fällt.

Halt den Mund!

Die Überschrift ist vielsagend, die Alfred Home seinem Aufsatz in den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“ (Nr. 10) gibt: „Halt den Mund, wenn du satt bist.“ Es scheine, so meint er, daß sich in der Bundesrepublik eine Auffassung durchsetzte, die das Recht zu Kritik nur denjenigen zubillige, die in armer Bescheidenheit ihr Leben fristeten. Wer aber ein Auto besitze und sich ein Brathuhn kaufen könne, dem werde Kritik als bösartig übelgenommen. Horné hält das für ganz falsch: „Die Freiheit ist bei uns viel weniger verboten als befürchtet wird; aber sie wird weitaus weniger in Anspruch genommen als notwendig wäre. Von Jahr zu Jahr verstärkt sich die Tendenz, diese Freiheit auch denen abzugewöhnen, die noch nicht freiwillig darauf verzichtet haben. Wenn möglich, soll das heimlich und lautlos geschehen; läßt es sich nicht vermeiden, werden auch Skandale in Kauf genommen. Sie schaden ja nicht nur den Urhebern, sie nützen ihnen auch, denn sie wirken im Land als abschreckendes Beispiel. Damit entfernen wir uns aber von einem sozialen Rechtsstaat, von einer freien Gesellschaft. Nicht nur im Staat, auch in den Parteien und Verbänden findet dieser Prozeß der Entdemokratisierung statt. Weil wir alle ein Stück Schuld an dieser Entwicklung haben, ist es auch unsere gemeinsame Sache, heute zu korrigieren, was in naher oder ferner Zukunft zwar beklagt, aber nicht mehr geändert werden kann.“

Unechte Gemeinsamkeit

Franz Herre lenkt in der „Politischen Meinung“ (Nr. 88) die öffentliche Aufmerksamkeit darauf, daß nicht jeder Sozialdemokrat sich zu dem außenpolitischen Kurs der Bundesregierung bekehrt habe. Die führenden Berliner Sozialdemokraten hätten vor kurzem wieder bewiesen, wie anfällig sie noch immer für die alten und überholten Parolen seien. Und Thomas Dehler habe die Legende wieder aufgewärmt, daß Moskau-Wallfahrten deutscher Politiker in früheren Jahren die Kremlherrscher zu einem Wandel in ihrem Verhältnis zu Deutschland hätten bestimmen können. Es dränge sich aus solchen Erfahrungen die Lehre auf, daß ein Schlagwort wie das von der gemeinsamen Außenpolitik nicht dazu dienen dürfe, Risse im eigenen Lager hinter einer Nebelwand von nationaler Phraseologie zu verbergen.