Vor kurzem habe ich, bei Gelegenheit der Frankfurter Messe, viel über Bücher und über Autoren gelernt. Rolf Schroers, zunächst, gab einen Bericht, aus dem man erfuhr, wie die Schriftsteller leben. Man sah sehr viele Gesichter, sah den reichen Habe und den armen Mehring, sah Nossacks Asketenprofil und die Haustür Ernst Jüngers; von Mehrwertsteuer wurde geredet, von der Altersversorgung und dem Kreis der Siebenundvierziger.

Krämer-Badoni las eine Philippika ab, Franz Schonauer blieb die Antwort nicht schuldig. Um Tatsachen freilich ging es hier nicht (ich hätte gern erfahren, wie die Gruppe sich konstituiert, wen man einlädt, wie man liest und kritisiert); dafür ergingen sich die beiden würdigen Männer in allgemeinen Sentenzen, die zumeist auch für die schlesischen Dichterschulen und den Göttinger Hainbund zutreffend waren.

Doch das machte ja nichts; da der eine, Krämer, offenbar Volkes Stimme, der andere, Schonauer, als besonders Geeigneter augenscheinlich die Gruppe 47 vertrat, lauschte man, den Argumenten dennoch mit hohem Genuß ... So also sieht der Ankläger, so der Verteidiger aus, dachte der Seher, und fühlte sich angesprochen; denn auf diesem Niveau konnte er mühelos folgen. (Dennoch, meinen wir, wäre es gut, wenn das auf der Dienerebene geführte Gespräch vielleicht einmal auf dem Adelsniveau fortgesetzt würde: Richter gegen Dufhues, ja, das könnte vielversprechend sein.)

Am Sonntagabend führte dann ein Herr namens Reinhard Rüttmann durch die Frankfurter Messe, und es gab eine Anzahl von trefflichen 90-Sekunden-Porträts: Ledig lächelte über der Nelke, Dr. Bermann pries eine neue, den Jungen geltende Reihe (Prosa viva mit dem Doppelpunkt); Grass sprach gewichtig über den eigenen Ruhm; Unseld erging sich über Beckett mit grimmigem Pathos; Klaus Wagenbach schließlich, der Fischer-Lektor, blickte, elegisch und bleich, wie ein Frankfurter Raskolnikow drein: ein frühreif-wissender Schüler mit dem Selbstmörderblick.

Aber man sah auch, sehr schweizerisch und sehr modern, Celestine Piatti, sah Hanser und Witsch und einen achtzehnjährigen Österreicher namens Maurer, den Verfasser eines Jugendbuchs und eines Kriminalromans: ein Deutschlehrer, sagte der Dichter, habe ihn einst zum Schreiben gebracht. Man nahm es gern zur Kenntnis, und die Messe schien überhaupt ein Vergnügen zu sein, kein Schweiß, kein Lärm, kein Überdruß, nur souveräne Schau und heiter-verschämtes Geschäft; Geist, der sich widerwillig in ein Warenhaus verirrt. Auch der Sprecher gab sich würdevoll und überzeugt: kein antiquierter Humanist, sondern ein Mensch unserer Zeit, der, des Hestia-Verlages gedenkend, das griechische Wort für Herd markant auf der ersten Silbe betonte.

Und schließlich las der Autor Günter Grass, es war schon Montag geworden, aus seinem letzten Buche vor. Eine glanzvolle Schau: der Saal überfüllt; der Autor seitenblätternd, erwägend, verwerfend, so, als ob er erst wählen müsse, was dem Publikum an diesem Abend zuzumuten war ... und das schien ziemlich viel zu sein. Von den menstruierenden Genien ging es holterdipolter zur Philosophenentlarvung; die Vokabel „Existenz“ sah sich am Pranger; „wenn du nicht gleich die Fresse hältst, existier ich dir eine“, sagte der Redner, und das Publikum lachte noch schüchtern; man war erwartungsfroh und gespannt, einige dösten ein wenig: provoziert schien sich niemand zu fühlen. Die Leute nahmen das Ganze idyllisch ... Dichter sind nun einmal so, wollte hier und da eine Miene andeuten, und das ist auch gut, denn wir wollen ja diesen närrischen Scherz; die festliche Derbheit ist uns gerade genehm.

Ursprünglich hatte ich mir die Dichter, die Verleger und das Publikum ganz anders vorgestellt, heiterer, sachlicher und kritisch-agiler. Aber man lernt ja nicht aus. Jetzt jedenfalls weiß ich, daß alles viel harmloser ist, als ich es mir ausgemalt habe... es sei denn, das Fernsehen hätte das Bild denn doch ein wenig verzeichnet. Diese Hoffnung bleibt mir noch, und ich werde sie pflegen. Momos