NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach landläufiger Meinung wird das Fernsehen den nur hörbaren Funk allmählich verdrängen – und entbehrlich machen. Demjenigen, der darüber anders denkt, lieferten zwei Hörspiele von Samuel Beckett Beweise.

„Cascando“ und „Worte und Musik“ haben dasselbe Thema – und eigentlich gar kein bestimmtes Thema. Beide zeigen etwa die maßlose Anstrengung des Menschen, der seine sinnlose Welt und sich selbst in ihr zu erkennen strebt. Sie zeigen es abstrahierend – abstrakt, wenn man vor dem strapazierten Wort nicht zurückschreckt. Abstrahieren, das heißt: denkend das Wesentliche vom Zufälligen sondern. Die Person, keine einzelne, wirkliche, das Ereignis, kein bestimmtes, die Gefahr, keine spezielle, schildert Beckett. Dem Hörspiel ist es möglich, ihn wie eine Partitur zu spielen: Kein sichtbarer Darsteller steht mit seiner besonderen Erscheinung der allgemeinen im Wege, kein Bühnenbild verstellt das Bild, das, durch Worte und Töne bewirkt, im Hörer entsteht.

Beide Spiele sind faszinierend widersprüchlich: haarscharfe Träume, greifbare Stofflosigkeit, verwehende Impressionen von stabiler Gültigkeit der Einsicht. Die Ironie, von Ionesco auf der Erde, in Zimmern abgehandelt, schwebt hier auf Wolken. Aber das fahle Licht, in dem sie vorübersegeln, ist klar. Einfache Bilder erinnern an Brecht. „In dem alten Mondlicht, wieder auf der Erde“ – das alte Gedicht vom Manne Baal aus der Hauspostille wird heraufbeschworen, wo es heißt: „...war der Himmel noch so groß und still und fahl...“ Missler, „die Arme ausgebreitet, das Gesicht im Wasser“ – das ist eine Wiedergeburt des Mannes Baal. R. H.