hin DDR-Wahlkreis wird besichtigt – Über die Mauer reden sie nicht

Von Dietrich Strothmann

Hoyerswerder, im Oktober

Der Krach war ohrenbetäubend. Über unseren Köpfen rollte ein schwerer Kran auf den Gleitschienen hin und her. Wir – vier westdeutsche Journalisten und unsere Begleiter vom Ostberliner Presseamt – standen in der Halle MEI I des Braunkohlenwerkes „Schwarze Pumpe“, dem größten seiner Art in Europa. In dem bei Cottbus gelegenen Werk, das pro Jahr 43 Millionen Tonnen Braunkohle verarbeitet, sollen 1970 – wenn die dritte und letzte Baustufe vollendet ist – über 20 000 Menschen Briketts, Koks und Gas für die DDR produzieren.

Die Frau trägt klobige Schnürstiefel und einen verwaschenen Overall. Sie ist ein wenig verlegen, spielt mit einer Büroklammer und antwortet nur zögernd auf die Frage: „Macht es Ihnen denn Spaß hier, so schwer zu arbeiten?“ – „Ja, doch – sicher.“ – „Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie verdienen, oder möchten Sie sich gern etwas mehr leisten... ein Auto vielleicht, eine Waschmaschine, einen Kühlschrank?“ – „Nein, mir reicht’s. Wir brauchen nichts mehr, auch kein Auto oder sowas. Der Bus bringt uns ja her, umsonst.“ – „Wo haben Sie Ihre Kinder?“ – „Die sind den ganzen Tag in der Schule. Die stehen schon um fünf Uhr auf, auch sonntags. Abends hole ich sie dann ab.“

Am Sonntag gehen sie dann alle zusammen spazieren: der Mann, seine Frau und die beiden Kinder, die alle keine Wünsche haben, keine großen und auch keine kleinen. „Glauben Sie man bloß nicht, daß alle Frauen in diesem Werk so denken“, meinte ein Arbeiter, der daneben stand, als er merkte, wie überrascht wir über die Antworten waren.

Die Wahlkabinen blieben leer