Von meinen welterfahrenen Freunden wußte keiner, wo Bad Stehen liegt. Sie rieten zwischen Niederbayern und Sauerland herum. Aber es liegt bei Hof, zwei Kilometer von der Zonengrenze entfernt. Sein leichtes Dornröschengepräge verdankt es vielleicht der von der Kurverwaltung formulierten Maxime:

Nur Heilbad, kein Luxusbad.

Da Bad Stehen nie mondän war, hat es den Strukturwandel zum „Sozialkurort“ kaum bemerkt. Zur Zeit rechnet man mit 45 Prozent Sozialkurgästen, früher Kassenpatienten genannt, und 55 Prozent Privatkuren. Im Winter überwiegen jene; knapp 700 waren es im März. Sie füllten die Pensionen, die in der früher „toten“ Saison jetzt auch geöffnet sind. Im übrigen besitzt das Städtchen mit seinen 2100 Einwohnern – davon annähernd 700 Neubürgern – rund 1500 Fremdenbetten.

Über das Dorf sind viele Kriege weggegangen; es ist viermal völlig zerstört und von den Erlamündern bis zu den Bayreuther Markgrafen durch mancherlei Herrn ausgenutzt und verschoben worden. Brandschatzung, Pest, Fron und was es sonst noch so gab in der nicht immer freundlichen Vergangenheit, haben Stehen getroffen. Daher, auch ohne die Bomben des letzten Krieges, das Gemisch von Bauernhäusern mit bürgerlichen, modernisierten Fassaden, mit schönen alten Schieferdächern und -wänden, den fin-de-siècle-Pensionen, die den Kurort-Aufstieg kennzeichnen.

Das stattlichste und schönste Haus an der Badstraße, Typ eines kleinen Bürgerpalais, verrät durch eine Tafel, daß hier Alexander von Humboldt gewohnt hat, der „Förderer des fränkischen Bergbaus“. Der Minister von Hardenberg hatte ihn als Bergassessor nach Franken geschickt, das damals gerade zu Preußen gehörte – und Humboldt hat hier die erste Berufsschule für Bergleute gegründet, Ergänzung der seit kurzem bestehenden Bergbau Hochschulen. Ein völlig modernes Unternehmen, das den Bergarbeitern offenstand und die Berufsschule mehr als ein Jahrhundert vorausnahm.

Der Bergbau ist erloschen, das Moor und die Quellen sind geblieben. Möglicherweise sind sie letzte Ausläufer der radioaktiven Stränge, durch die die böhmischen Bäder – Joachimstal, Bad Brambach – berühmt und wirksam wurden. Über diese „Säuerlinge“ sind schon 1690 die ersten Untersuchungen erschienen. Seit rund 130 Jahren ist Stehen „bayerisches Staatsbad“.

Der Staat hat Bade- und Kurhäuser erbaut, die Quellen neu gefaßt und durch Bohrungen in tieferen Schichten ergiebiger gemacht, den Kurpark angelegt, alle paar Jahrzehnte vergrößert und erneuert. Die „neue Wandelhalle“ (von 1910) zeigt wie das Badehaus noch deutliche Spuren des wilhelminischen Klassizismus’, und zwischen beide Häuser hat man erst kürzlich, ohne Angst vor Stilbrüchen, einen modernen Glasbau gefügt, in dem das Wasser für die Brunnenkur ausgeschenkt wird, die Zeitungen aufliegen, bei schlechtem Wetter und in der kalten Jahreszeit die Kurkonzerte und die Theaterabende stattfinden.