Von Wolfgang Leonhard

Mit einiger Verspätung hat Chruschtschow die Sowjetbevölkerung über die großen Getreideeinkäufe Moskaus im Ausland unterrichtet. Mit der Bestellung von 6,5 Millionen Tonnen Getreide in Kanada, 1,6 Millionen Tonnen in Australien und geringeren Mengen in anderen Ländern wird die UdSSR – im allgemeinen als Getreideexporteur bekannt –, nun für über 600 Millionen Dollar Getreide importieren. Aber auch ohne die jüngste offizielle Bekanntgabe wußten die meisten Sowjetbürger längst Bescheid über die diesjährige schlechte Ernte in der Sowjetunion.

Die sonst im Herbst stets üblichen Erfolgsberichte über die Einbringung der Getreideernte fehlten diesmal völlig. Statt dessen erschienen in der Sowjetpresse unter großen Schlagzeilen („Vergrößert die Getreideressourcen des Landes!“, „Die Ernte muß rechtzeitig eingebracht werden!“, „Mehr Gemüse und Kartoffeln für die Werktätigen der Städte“), beschwörerische Aufrufe, alles zu tun, um die Ernte rechtzeitig einzubringen, Ermahnungen, Brot nicht zu vergeuden und, immer häufiger, Berichte über Verurteilungen von „Brothamsterern“ und „Brotvergeudern“.

Die Schwierigkeiten machen sich im täglichen Leben der sowjetischen Bevölkerung bereits deutlich bemerkbar. Mehl, Grütze, Makkaroni und andere Nahrungsmittel sind, wie westliche Korrespondenten berichten, zur Zeit völlig aus den Läden verschwunden. Die Zahl der Brotsorten ist drastisch verringert worden, und die Vorschrift, wonach jeder Käufer pro Einkauf nur eine bestimmte Menge Brot erhalten kann, wird jetzt strikt eingehalten.

Schon diese Maßnahmen haben zu Gerüchten geführt, wonach eine Brotpreiserhöhung bevorstehen soll – ähnlich der Preiserhöhung für Fleisch, Butter und andere Nahrungsmittel um 30 % im Juni des vergangenen Jahres. Während dies durchaus möglich erscheint, dürfte das ebenfalls kursierende Gerücht über eine beabsichtigte allgemeine Brotrationierung kaum der Wahrheit entsprechen; allzu drastisch würde eine solche Maßnahme dem für 1980 vorgesehenen Eintritt der UdSSR in die Phase einer echten kommunistischen Gesellschaftsordnung widersprechen, als daß sich die Sowjetführung jetzt zu einem solchen Schritt entschließen könnte.

Die großen Auslandseinkäufe Moskaus sind um so überraschender, als sich die Aussaatfläche in den letzten Jahren ständig erhöhte und mit 139 Mill. Hektar in diesem Jahr eine Rekordhöhe erreichte. Die tatsächliche Ernte aber ist gegenüber dem vergangenen Jahr Ton 56,5 Mill. Tonnen auf etwa 46,5 Mill. Tonnen, das heißt um etwa 20 % gesunken. Dieser Rückgang hat für die Sowjetführung um so ernstere Konsequenzen, als sich die UdSSR schon seit einigen Jahren zu Getreidelieferungen an andere kommunistische Länder genötigt sieht. Im vergangenen Jahr lieferte die UdSSR laut eigenen Angaben 1,25 Mill. Tonnen an die Sowjetzone, über 900 000 Tonnen Getreide an die Tschechoslowakei, über 500 000 an Polen und fast 300 000 Tonnen Getreide an Kuba – alles Verpflichtungen, denen sich Moskau aus politischen Gründen kaum entziehen kann.

Als Ursache für die gegenwärtige Situation verweist die Sowjetpresse auf den harten Winter und vor allem auf die Dürre im Frühjahr und Sommer in den wichtigsten landwirtschaftlichen Gebieten der UdSSR – Ukraine, Sibirien, Nordkaukasus und Kasachstan. Aber auch eine Reihe anderer Faktoren haben eine Rolle gespielt. So kritisierte Chruschtschow selbst, der gegenwärtig die sowjetischen Agrargebiete besucht, den Mangel an Düngemitteln, die Rückständigkeit des Bewässerungssystems, die schlechte Ausnützung landwirtschaftlicher Maschinen und das Versagen vieler landwirtschaftlicher Funktionäre. Unter diesen Bedingungen hat sich die Einbringung der Ernte diesmal in fast allen Gebieten um zwei Wochen oder mehr verzögert.