Wer an der Windschutzscheibe seines geparkten Wagens ein Zettelchen flattern sieht, pflegt nicht gerade beglückt zu sein. Es wird sich, so denkt der Autobesitzer, um einen Gruß der Polizei handeln. Falsch geparkt – zu lange geparkt – oder gar noch Schlimmeres, das er nicht bemerkt hat? Der Autofahrer zieht den Zettel hinter dem Scheibenwischer hervor, liest und wandert zum nächsten Revier, um Buße zu tun.

Es gibt aber auch eine andere Art von Zetteln, die einen kaum glücklicher machen. Und doch ist man froh, sie zu finden, wenn sich zugleich im Kotflügel eine ganz neue Beule befindet. Aha – auf dem Zettel steht, daß es Herr Matzerath war, der unvorsichtig vorbeifuhr, sein Augenmaß beim Ausscheren überschätzte, oder seinen Kleinlaster mit zuviel Schwung zurücksetzte. Matzeraths Autonummer, seine Adresse, seine Telephonnummer stehen auf dem Zettel – vielleicht noch seine Versicherungsnummer dazu. Gut, man wird sich an Herrn Matzerath halten.

Aber es gibt auch Herrn X. Und von Herrn X kündet nur diese Beule. Kein Zettel, kein Gruß. Warum? Ist Herr X nicht versichert? Nicht in der Haftpflichtversicherung, die jedes Autoeigentümers Pflicht ist? Doch, doch, Herr X ist ganz sicher versichert. Jedoch...

Der Angefahrene fährt mit der Beule davon, falls er noch fahren kann. Er sucht eine Werkstatt, er bekommt im günstigen Falle nach einer Woche oder auch nach zweien seinen Wagen zurück. Unterdessen denkt er an Herrn X, der nicht auf die Straßenbahn zu warten braucht, der fröhlich umherflitzt. Und für die Reparatur ist viel Geld zu bezahlen. Auch kleine Beulen sind selten unter hundert Mark verschwunden. Wer eine Kaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung hat, dem wird der Schaden bezahlt. Aber wer hat schon eine so teure Versicherung? Auch eine Kaskoversicherung mit „Selbstbeteiligung“ von einhundertfünfzig Mark oder dreihundert haben die wenigsten. Kurzum: Man zahlt das Ganze oder die „Selbstbeteiligung“ und flucht auf Herrn X.

Warum aber machte sich Herr X so aus dem Staube? Fürchtete er, bestraft zu werden? Wohl kaum. Selten wird eine Geldstrafe für fahrlässiges Verhalten im Straßenverkehr verhängt, wenn nur Blechschaden entstand. Und meistens ist die Polizei auch gar nicht dabei. Warum also gab denn Herr X „Fersengeld“? Die Sache ist so:

Herr X ist ein Schlauer. Wenn er zwei Jahre lang seine Haftpflichtversicherung nicht in Anspruch nimmt, zahlt er im dritten Jahr etwa zehn Prozent Prämie weniger. Und wenn er drei Jahre lang „flitzen“gegangen ist, wird es noch besser: die Prämienrückvergütung steigt für den Braven.

Seit Anfang 1962, als die Prämien erhöht wurden und die Versicherungen ein Trostbonbon für die Kunden suchten, gibt es diese sinnvolle Einrichtung. Seitdem stieg die Prozentzahl der Leute, die vom Unfallort fliehen, rapide an. Sie alle wollen den Lohn ihrer bösen Tat einkassieren, den ihre Versicherung ihnen zahlt. Sie hat ja den Nutzen davon. R. H.