Karl Jaspers: Lebensfragen der deutschen Politik. Deutscher Taschenbuchverlag, München. 316 Seiten. Kartoniert 3,60 DM.

Wenn ein Mann von hohem geistigem Rang sich mit politischen Tagesfragen auseinandersetzt, so ist das für den Leser immer ein Gewinn. Der Philosoph, der sich in das Getümmel des politischen Streites begibt, wird freilich oft den Vorwurf hören müssen, er sei weltfremd, er solle sich um seine metaphysischen Probleme kümmern; von den bewegenden und zum großen Teil unreinen Kräften des Staates verstehe er nichts. Jede Seite dieses Buches beweist, wie töricht ein solcher Vorwurf wäre. Jaspers ist alles andere als weltfremd, er kennt die Menschen und die Mächte, er hat über alle etwas zu sagen, was auch den handelnden Politiker angeht.

Damit meint der Rezensent nicht, daß er mit jeder Ansicht von Jaspers einverstanden sei. Im Gegenteil, er findet manchen Anhaltspunkt zur Kritik. Aber dazu ist von verschiedenen Seiten schon genug gesagt worden, als die in diesem Bande enthaltenen Aufsätze zuerst veröffentlicht wurden. Heute genügt es festzustellen, daß es eine Freude ist zu lesen, wie sich ein unabhängiger Geist, der keiner Partei, keiner Regierung, keiner Opposition, keinem Interessenverband verpflichtet ist, die Deutschen mahnt und aufrüttelt. Er könnte sie lehren, die Ereignisse weiter zu sehen, als der Horizont des Alltags reicht.

Den abschließenden Aufsatz „Werden wir richtig informiert?“ sollte man jedem Redaktionsvolontär, am besten aber jedem Zeitungsleser in die Hand geben. G. G.