Schon als der Absender des Telegramms verlesen wurde, breitete sich unter den im Kurtheater der Lahnstadt versammelten Jungen Unternehmern eine hörbare Unruhe aus. „Der Parteivorstand der SPD grüßt alle Teilnehmer der Jahresversammlung und wünscht der Tagung ‚Erbe allein genügt nicht‘ einen guten Verlauf.“ Die 400 Zuhörer glaubten ihren Ohren nicht zu trauen. Hatte doch soeben erst der geschäftsführende Vorsitzende der CDU, Josef-Hermann Dufhues seine „Forderungen eines Politikers an einen Unternehmer“ vor ihnen ausgebreitet. Und nun ein Grußtelegramm der Konkurrenz?

Verdutzt schauten sich die fortschrittlichen „Jungkapitalisten“ an. Einige spendeten zaghaft Beifall, andere lachten, ehe es weiterging im Text: „Mit regem Interesse verfolgt der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands das Wirken der Jungen Unternehmer. Die Themen der Jahresversammlung 1963 lassen erkennen, daß die Jungen Unternehmer den politischen Fragen aufgeschlossen gegenüberstehen.“

„Aha“ und „Bravo“, rief es aus dem Auditorium. Doch es lachten nur noch wenige, während höflich Beifall gespendet wurde. Glaubte man, das Telegramm sei schon zu Ende? „Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird auch in Zukunft alles tun, um den Jungen Unternehmern bei ihren Bemühungen, ihre Existenz zu sichern, die notwendige Unterstützung angedeihen zu lassen.“ – Nun brach sich der Applaus Bahn. Lange klatschten die Zuhörer, gelöst, fast heiter die Hände, kaum daß die Schlußworte „zugleich auch im Namen unseres erkrankten Erich Ollenhauer, Willy Brandt und Herbert Wehner“, zur Kenntnis genommen werden.

Die Versammlung hatte ihre Sensation. Dennoch, es scheint, als wüßten sie mit der Emser Depesche nichts Rechtes anzufangen, die Jungen Unternehmer, die sich in der altmodischen Kurstadt getroffen haben, um sich auf die Rolle des Nachfolgers vorzubereiten. Die meisten unter ihnen sind sich noch nicht so recht klar über den Kurswechsel, den die reformfreudige Gruppe in der SPD anstrebt. Haben sie übersehen, daß die Sozialdemokraten schon auf der wirtschaftspolitischen Tagung der Partei in Essen mit den Vertretern der privaten Wirtschaft ins Gespräch zu kommen suchten? Und daß die Depesche deshalb nur der konsequente Versuch der reformbereiten Parteispitze ist, das Image des Bürger- und Unternehmerschrecks abzulegen? W. W.