Von Werner Ross

Im Thomas-Mann-Archiv in Zürich kann man einen rührenden Brief lesen. Sami Fischer schreibt an den jungen Autor, das Buddenbrook-Manuskript sei viel zu lang, er möge es doch im Hinblick auf das Publikum und den Erfolg kürzen. Die „Buddenbrooks“ blieben so lang, wie sie waren, und Sami Fischers Prognose bezüglich des Publikumsgeschmacks erwies sich als falsch. Auch später blieb Thomas Mann beim Episch-Breiten, und seine Leser gingen getreulich mit. Tochter Elisabeth kürzte zuzeiten, wie man aus dem Buch über den „Doktor Faustus“ erfahren kann, aber uns tut es um diese Schnipsel doch ein bißchen leid. Das liegt daran, daß Thomas Mann ein geistreicher Autor war, amüsant in seinen Einfällen und Beobachtungen, witzig in seinen Wortfügungen, fortwährend erfreulich durch eine originelle, frisch hinschauende Genauigkeit.

Pro Tag anderthalb Manuskriptseiten – das war sein Pensum. Dies fällt einem mit Kummer ein, wenn man sich an die steilen, blauen, gutgebundenen, schöngedruckten Bände des Gesamtwerkes von Arno Holz wagt –

Arno Holz: „Werke“, herausgegeben von Wilhelm Emrich und Anita Holz, 7 Bände; Luchterhand Verlag, Neuwied; Subskriptionspreis 196,–, nach Ablauf der Subskription 224,– DM.

Vor hundert Jahren wurde Holz geboren. Mit dreiundzwanzig war er ein Revolutionär der Dichtung in Berlin. Er machte sich lustig über die Dutzenddichter, die mit Lenznacht und Blütenschimmer operierten, und versprach: „Ich will hoch über mir entfalten / der Neuzeit junges Lenzpanier.“ Diese Proklamation war noch nach alter Manier gereimt, aber bald verwarf er den Leierkasten, setzte die alten Formen ab und erfand das drucktechnisch um eine Mittelachse gruppierte Gedicht. Die Mittelachse war gewissermaßen das Rückgrat einer Lyrik, die formal zum Molluskenhaften neigte. 1898 erschienen zwei nach diesem Prinzip verfaßte Gedichtbändchen mit dem Titel „Phantasus“. 1925, in der letzten Ausgabe, die zu seinen Lebzeiten erschien, war der „Phantasus“ auf 1300 Seiten angeschwollen; in der jetzt vorliegenden Ausgabe zählen die drei Bände zusammen über 1600 Seiten oder rund 50 000 Kurz- und Langverse.

Die Literaturgeschichten verzeichnen weitere Rekorde dieser dichterischen Fleißarbeit: Die Ausgabe von 1916 mußte, um Verszeilen bis zu 36 Wörtern zu fassen, 45 : 34 cm groß sein; ein einziges Riesengedicht kreist mit 2516 Zeilen um ein einziges Verbum und braucht für einen einzigen Satz 50 Seiten. Auf rund 1000 Seiten kommt auch die nachgelassene Fassung des satirischen Großgedichts „Die Blechschmiede“, während sich die Tragödie „Ignorabimus“ mit bescheidenen 360 Seiten begnügt. Man darf mit Recht neugierig sein, wie ein solcher Wortaufwand zustande kommt und welchem Zweck er dient.

„Selbstsicherer Auftakt“ heißt das erste Gedicht des „Phantasus“. In letztem, tiefem prophetischem Nachtschlaf wird dem Dichter die Gewißheit: „Sieben Billionen/... Jahre ... vor meiner Geburt / war ich / eine Schwertlilie. / Meine suchenden Wurzeln / saugten sich / um einen Stern.“ Man ahnt die Nachbarschaft: Haeckel, Bölsche, der Monismus färbte sich mystisch, poetisch, Indisches ging um. Entwicklung wurde ein kosmischer Mythos, es wimmelte von Welt-Visionen, Däubler und Mombert rührten schon die Leier. Der Symbolismus, als poetische Mode verspottet, tritt durch die naturphilosophische Hintertür wieder ein. „Mein Staub verstob; wie ein Stern strahlt mein Gedächtnis“, so hört – mit deutlichem Bezug zum Schwertlilienstern – das episch-lyrische Weltgedicht auf. Aber wir müssen, um dem Schreibedrang Holzens auf die Spur zu kommen, noch ein Stückchen weiter zitieren – freilich auf die raumfressende Mittelachse verzichtend: „Aus/seinen sich wölbenden/Wassern,/blumenblätternarbig, goldpfeilfädenstäubig,/traumblau/in/neue/wallende, werdende, wogende,/brauende, brodelnde/kreisende/Weltenringe/wuchs,/stieg, stieß!stellte, teilte, speilte,/verglühte, zerströmte, versprühte/sich /geheimnisträchtigst, geheimnismächtigst,/geheimnishehrst/sich selbst begattend, sich selbst befruchtend, sich selbst beschattend, sich selbst/zerzeugend,/Flammenkugelmeteore,/Kometenkaskaden, Planetenbuntkränze/verschwendrisch /um sich regnend, verschwenderisch um sich segnend,/vergeuderisch/um sich/schwingschleudernd,/meine/ dunkel-metallische, halkyonischphallische, klingend-kristallische/ Riesenblüten-Szepterkrone!“ Ihre „Kraftstolzfreude“ und „Schöpfermutanfeuerung“ sturzlacht, sturzjubelt und sturzleuchtet noch ins Erwachen des Dichters hinein.