Ben Bella zwischen inneren Wirren und äußeren Verwicklungen Von François Bondy

Algier, im Oktober

Algier hat seine beschädigten Fassaden restauriert und gesäubert, und wer aus Paris kommt, fühlt sich schon deshalb nicht ganz in der Fremde. Aber der schöne Hafen mit den alten türkischen Festungsmauern ist verödet. Von einem Fenster des Regierungspalastes aus zähle ich ganze drei Schiffe. Manche französischen Gesellschaften haben ihren Verkehr ganz eingestellt und die Schiffe verauktioniert.

Mit dem Frieden und seinen Folgen hat Algerien nicht nur seine Zwingherren verloren, sondern auch seine Kunden – eine Million „eingeborene“ Europäer, eine halbe Million Soldaten. Bab el Oued, einst die Heimat der „armen Weißen“, ist zur Verlängerung der Kasba geworden. Algier hat sich ungemein schnell orientalisiert, fast alle Frauen auf der Straße tragen Schleier. Es gibt kaum mehr so viele Franzosen hier wie in Dakar. Algérie Française ist nicht nur, nach de Gaulles Wort, zu einer Algérie algerienne geworden, sondern zu einer Algérie arabe. Oder ist vielleicht nur eine Fassade durch eine andere ersetzt worden?

Hundert Kilometer von der Hauptstadt beginnt Kabylien, wo nicht arabisch, sondern berberisch gesprochen wird. Die Hälfte der gegenwärtigen Bewohner Algiers dürften selber Kabylen sein. Vom Forum der Hauptstadt, wo Ben Bella von Hunderttausenden gefeiert wird – in seiner letzten Rede hat er schwierige arabische Worte gleich ins Französische übersetzt – bis zu den Bergen, wo sich die neuen Rebellen sammeln, ist es nur ein kurzer Ausflug. Jeder ausländische Journalist hat ihn unternommen. Aber wieviele freie Journalisten werden in Algier bleiben? Acht sind binnen weniger Tage ausgewiesen worden.

Wie denken die Kabylen der Hauptstadt? Sie sind oft Händler, Unternehmer, Lehrer, qualifizierte Arbeiter, sie füllen die Schiffe und Flugzeuge nach Frankreich; die ganze Kabylei lebt von ihren Postanweisungen. Wenn die Läden der Bäcker und Schuhmacher nationalisiert wurden, so waren vor allem die Kabylen als das regste Kleinbürgertum betroffen.

Mohammed Harbi, der junge und nachdenkliche Herausgeber der „Revolution africaine“, sagte mir ohne Umschweife, daß er diese Sozialisierungen für unsinnig halte. Das beste wäre, so meint er, sie rückgängig zu machen. Aber mittlerweile hapert es sogar mit den Entschädigungen. Das Regime hat sich hier mehr Unzufriedene geschaffen als nötig. In der Führungstruppe sind keine Kabylen mehr – wohl aber unter den hohen Beamten, die im Gegensatz zur mittleren Funktionärsschicht oft selbstlose, unermüdlich arbeitende Patrioten sind.