Washington, im Oktober War Tito überhaupt da? Die 21 Salutschüssewaren kaum hinterm Weißen Haus verhallt, die Demonstranten vor dem Weißen Haus hatten, kaum die Pennsylvania Avenue wieder geräumt – da flog der Marschall schon wieder ab. Der Staatsbesuch in der amerikanischen Hauptstadt dauerte nur Stunden.

Dennoch löste der Besuch des jugoslawischen Kommunisten in Washington Kritik am Präsidenten aus. Kennedy berief sich auf seine Vorgänger; auch Truman und Eisenhower hätten den selbständigen Kommunisten Tito bereits unterstützt. Tatsächlich flossen Wirtschafts- und Militärhilfe in Höhe von 10 Milliarden Mark aus den USA nach Jugoslawien. Der Kongreß kritisierte das ebenso oft wie erfolglos. Vor kurzem allerdings wurde. Präsident Kennedy die Auflage erteilt, beim Handel mit Jugoslawien keine Meistbegünstigung mehr zuzulassen. Die Kennedy-Regierung zögerte bisher die Anwendung dieser Auflage hinaus.

Immerhin, drei volle Stunden unterhielten sich die beiden ungleichen Präsidenten – der Partisan aus Osteuropa und der Millionärssohn aus der Neuen Welt. Beim gemeinsamen Mittagessen fehlte es nicht an Elogen. Tito klagte über eine Erkältung, und Kennedy ließ Pillen aus dem Medizinschrank des Weißen Hauses holen. Fieber hinderte den Marschall schließlich, einer Einladung nach Kalifornien Folge zu leisten. An dem Essen im Weißen Haus nahmen prominente Senatoren wie Fulbright, Dirksen, Mansfield und der Präsidentenbruder Edward Kennedy teil. Aber Senator Goldwater erklärte, es sei eine „Schande für jeden lebenden amerikanischen Bürger“, daß dieser Tyrann in der amerikanischen Hauptstadt begrüßt werde. Der Kongreßabgeordnete Johansen tadelte den Präsidenten, daß er zwar den Kommunisten Tito, nicht aber die Anri-Kommunistin Madame Nhu empfange. John Kennedy freilich mag vor allem daran interessiert gewesen sein, wie Tito die Situation in Moskau beurteilt.

Tito, der Vater des „Titoismus“, der große Abtrünnige – heute wird er in Ost und West als Vorkämpfer der Idee eines „Polyzentrismus“ anerkannt. Die von ihm angestrebte Entspannung ist zu einer Grundströmung der Weltpolitik geworden. Wenn die Männer, die dieser Grundströmung folgen, Revisionisten heißen sollen, dann sind auch Chruschtschow und Kennedy Revisionisten. Insofern war es nicht ohne tiefere Bedeutung, daß es dem amerikanischen Präsidenten Kennedy vorbehalten blieb, Titos großen Wunsch zu erfüllen: Ehrengast zu sein in der Metropole der kapitalistischen Welt.

Thilo Koch