Bonn, im Oktober

Willkommen als "Wahlmagnet", als Kanzler freilich mit Reserve, wenn nicht mit Skepsis beurteilt – so schwankt Erhards Bild in den Köpfen seiner Fraktionskollegen. 24 Abgeordnete der Koalition, davon zweifellos die meisten aus der CDU/CSU, haben ihn nicht zum Kanzler gewählt. Dr. Adenauer war nicht unter ihnen. Er gab Erhard zwar kein gutes Wort, aber seine Stimme.

Von einigen CDU-Abgeordneten, wie Würmeling, Süsterhenn, Dr. Weber (Koblenz) und anderen weiß man, daß sie das Urteil Dr. Adenauers teilen, der Erhard mehrmals öffentlich die Eignung zum Kanzler abgesprochen hat. Man darf vermuten, daß sie bei der Kanzlerwahl daraus die Konsequenz gezogen haben. Vielleicht konnte sich auch der eine oder andere mißtrauische Agrarier nicht entschließen, Erhard zu wählen. Und dann gibt es noch die enttäuschte Gruppe um Dr. Barzel. Sie wird es Erhard lange nicht vergessen, daß er Barzel das gesamtdeutsche Ressort weggenommen und Mende übergeben hat. Es ist anzunehmen, daß mehrere Abgeordnete aus dieser verärgerten Gruppe Erhard nicht gewählt haben.

Vielleicht haben sie und auch andere noch vor kurzem geglaubt, Erhard werde als Kanzler leicht zu lenken sein. Nun hat er aber nicht nur im Falle Barzel, sondern auch im Falle Gumbel nicht so entschieden, wie es ihm von der Gruppe um Dr. Krone nahegelegt worden war. Denn Erhard hat Dr. Gumbel – der als Exponent prononciert katholischer Kreise gilt – nicht zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt ernannt, obwohl er es eine Zeitlang erwogen haben soll. Man hörte damals, er wolle Gumbel als zweiten Staatssekretär in das Kanzleramt holen.

Welche Rolle Dr. Krone in dem neuen Kabinett spielen wird, läßt sich noch nicht überblicken. Er sollte dort wohl auf Wunsch des früheren Bundeskanzlers Hüter der Tradition sein und darauf achten, daß die Kontinuität – besonders in der Außenpolitik – gewahrt werde. Nun, diese Kontinuität wurde in der Regierungserklärung Erhards im großen und ganzen bestätigt. In den Akzenten nahm sich freilich einiges etwas anders aus als in früheren Erklärungen solcher Art. So wurde die Freundschaft mit den Vereinigten Staaten durch das nachdrückliche Bekenntnis zu weltweiter Wirtschaftsverflechtung unterstrichen, fernen durch die Absage an einen "sich selbst genügenden" Gemeinsamen Markt, der nach Erhards Meinung eine "Entartung" wäre. Hier wurden Kennedysche Gedanken erkennbar. Daher auch die in ihrer Zielrichtung unmißverständliche Betonung enger freundschaftlicher Beziehungen" zu England und zu jenen Drittländern, mit denen wir uns nicht "auseinanderleben" dürften. Unter Respektierung dieser Interessen der Bundesrepublik bekennt, sich Erhard aufrichtig zu der deutschfranzösischen Freundschaft. Auch er will den Pariser Konsultationsvertrag "mit immer mehr Leben erfüllen" – aber eben in den hier skizzierten Grenzen.

Ob oder wie weit dieser Teil der Regierungserklärung Schröders Handschrift zeigt, wissen wir nicht. Auf jeden Fall entspricht er völlig Schröders Konzeption. Hier steht Erhard näher bei Schröder als bei Brentano oder Guttenberg. Trotzdem wurde im außenpolitischen Arbeitskreis und dann in der Fraktionssitzung der CDU/CSU die Auseinandersetzung über die gegenüber unseren Verbündeten einzuschlagende Taktik in sehr viel milderen Formen fortgeführt als in jener Fraktionssitzung vor der Wahl Erhards, wo Schröder und Guttenberg heftig aneinandergeraten waren.

Damit sind freilich diese Meinungsverschiedenheiten nicht ausgeräumt. Nach wie vor sind Brentano, Strauß, Guttenberg und nicht zuletzt Adenauer der Ansicht, daß wir mit Hilfe des Pariser Hebels auf die Gewichtsverteilung in der amerikanischen Außenpolitik zugunsten Europas Einfluß nehmen könnten und sollten. Erhard und Schröder beurteilen solche Anregungen skeptisch. Hier bleibt also Stoff genug für eine Kontroverse, die Erhard in seiner Fraktion noch zu schaffen machen wird.