Vor Annelise Kreß

Die Jugend heute drängt nach neuen Auffassungen in den großen Fragen im „geistlichen Bereich“; sie kann die überlieferten Mythen und Legenden der Bibel nicht mehr zu dogmatischen Grundlagen ihres Glaubens machen. Hier wird Ernst Barlach einer ihrer bedeutendsten Bundesgenossen, wie ihn Rudolf, Bultmann in der „ZEIT“ vom 10. Mai genannt hat. Honest to God ehrlich zu Gott möchte sie sein, wie es der anglikanische Bischof Robinson forderte.

Barlach selbst sagt von seinen Figuren, er habe „nichts dagegen zu sagen, wenn man meint, daß sie sehnsüchtige Mittelstücke zwischen einem unbekannten Woher und Wohin seien“. Er hat sich gegen die Rolle eines Propheten wehren müssen; ausdrücklich will er nur „recht und schlecht Künstler“ sein ..., „aber predigen-, Lösungen präsentieren, Prädikate austeilen, Gut und Böse definieren, kurz gesagt, etwas anderes als Gestalten aufstehen lassen aus dem geheimnisvollen Sein ..., das darf sich in meine Kunst nicht einschleichen“.

Diese Zurückhaltung übt er auch in dem berühmten Brief an Pastor Johannes Schwartzkopff, wo er das, was er letztlich durch das Wort ausdrücken könnte, nicht ausspricht, „weil es so eindringlich vorgetragen werden müßte, als ob es überzeugen wollte“. Und in einem Gespräch deutet er bei einem biblischen Thema Ähnliches an: „Es lockt mich, etwas zu machen, was darüber und dahinter ist. Ich lege manchmal etwas dazu.“

Seine Umkehrungen sind keineswegs nur gedanklich; in seinen plastischen Gestalten und in seinen Holzschnitten feiert seine Umkehrkraft Feste, die das Auge unmittelbar entzücken. So läßt er felsharte, schwere menschliche Blöcke im Raum schweben und löst in Holzschnitten aus weißen Lichtstreifen aufgebaute Figuren so weit auf, daß sie wie zerrissen erscheinen, in ihrer Zerrissenheit jedoch getragen werden vom Dunkel, das ihnen im Licht zu leben erlaubt. Immer ist es das unbekannte und nur in endlichen Gestalten sich verkörpernde Sein, das Barlach in seinen Hölzern und in seinen graphischen Blättern aufruft.

Es ist daher nicht zu verwundern, daß ihm – obwohl er dem gesprochenen Wort soviel Mißtrauen entgegenbrachte – philosophische Formulierungen hohen Ranges gelangen. Auf eine Rundfrage Harald Brauns an zeitgenössische Dichter nach ihrem Glauben antwortete er: „Die Wahrheiten vergehen, die Wahrheit selbst bleibt, die wortlose, die, zwischen den Formulierungen der Dogmen als Sturm den erhabensten Irrtum aufrührend, den vergänglichen Leibern, nämlich den Dogmen, ihr Blühen und prunkendes Dauern bis zum Überdruß ihres Alterns, Kraft und Odem gibt. Die Wahrheiten sind sinnliche, menschliche Erfindungen, die Wahrheit ist die Unsichtbarkeit selbst, das Sein des Seins, das Unnennbare... die Ausströmung des ewig unbekannten Gottes, dessen, was eben nicht menschenmäßig ist und darum nicht von Menschen erfaßbar, also ihnen unbekannt ist und bleibt.“

In manchen Reden seiner Dramenfiguren erreichen Barlachs Umkehrungen ihren Gipfel. Die dramatische Replik gibt das intellektuelle Material dazu her. An solchen Stellen entwickelt der Dramatiker Barlach eine Methode, die uralt ist; es ist die Methode der spekulativen Mystik aller Zeiten, im christlichen Mittelalter negative Theologie genannt. Es ist jedesmal die negative oder paradoxe Umschreibung dessen, „was eben nicht menschenmäßig ist“.