Die Großväter der "jungkonservativen"

Von Harry Pross

Seitdem die Jungkonservativen alt werden und die Neukonservativen nicht mehr ganz so neu sind, wie sie anzugeben belieben, pflegen sie – wie gewöhnliche Sterbliche auch – ihre Jugenderinnerungen in den milden Glanz partieller Vergeßlichkeit zu tauchen. Er gleicht dem traulich-fahlen Licht der Gaslaternen, die im ersten Drittel des Jahrhunderts üblich waren, und niemand denkt an den Mord, der in ihrem Schatten geschah.

Es ist richtig: die Neu- und Jungkonservativen haben den Mord nicht gewollt. Sie haben ihn auch nicht begangen, und ihre Ideologen waren ehrenwerte Herren. Auch bezieht die bekannte Ahnentafel, die den Nationalsozialismus mit den Antiwestlern, den Gegenaufklärern und schließlich der Reformation verbindet, sie mit fast dem gleichen Recht ein wie fast alle anderen intellektuellen Strömungen des deutschen zwanzigsten Jahrhunderts: Geht man nur weit genug zurück, so sind wir alle verwandt.

Je weiter ein Phänomen in die Vergangenheit reicht, desto allgemeiner erscheint es. Darum tut gut daran, sich auf solche Figuren der Geschichte zu berufen, wer den Verbindlichkeiten der Gegenwart ein Schnippchen schlagen will. Es ist leichter, einen Idealismus zu predigen, der sich in der Metaphysik verliert, etwa einen "Rembrandt als Erzieher" hinzustellen oder statt einer dritten Partei ein "Drittes Reich" zu begründen, als sich mit alltäglichen Schwierigkeiten des Zusammenlebens auseinanderzusetzen. Auch fährt man mit düsteren Voraussagen über die Weltlage, die allemal in Erfüllung gehen müssen, bequemer als mit Aussagen zu konkreten Zuständen, in deren Beurteilung man sich gelegentlich täuscht. Wer etwas Unangenehmes vorausgesagt hat, das dann eingetroffen ist, genießt höhere Achtung bei seinen Mitmenschen als jemand, der nur etwas Angenehmes vorher wußte. Ihm wird man sagen, so angenehm sei es nun wieder nicht, wie er es darstelle – sei’s nur, um ihm den Ruhm streitig zu machen, der dem Propheten der Düsternis unweigerlich zufällt.

Es ist fast ein Erfolgsrezept in deutschen Gauen, dem Miesepeter mehr zu trauen als dem Tatkräftigen, der auf schrittweise Verbesserung ausgeht. Wenigstens sind die drei Großväter der Jungkonservativen der zwanziger Jahre in dieser Neigung großgeworden: Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck. Ein Buch von

Fritz Stern: "Kulturpessimismus als politische Gefahr – Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland", aus dem Amerikanischen von A. P. Zeller, Vorwort von Ralf Dahrendorf; Verlag Scherz, Bern/Stuttgart/Wien; 420 S., 29,50 DM