Flucht von den deutschen Universitäten?

Von Peter Hemmerich

Man ist es in den Kreisen der Verantwortlichen nachgerade gewöhnt, daß Presse und Funk "demagogische Thesen" verfechten, so etwa: Ein Minister sei dem Parlament Rechenschaft schuldig, auch wenn es weh tut.

In die Reihe der Fälle Strauß und Spiegel und Höcherl gehört, was sich kürzlich ereignete: Ein streitbarer Redakteur der Abteilung Zeitgeschehen im Fernsehen des Hessischen Rundfunks, Kurt Zimmermann mit Namen, hat sich durch den Fall "Panorama" nicht schrecken lassen. Zimmermann unternahm nichts Geringeres als den Versuch, seinem Publikum im Laufe einer nahezu einstündigen Sendung klarzumachen, daß – man höre und staune – es schlecht stehe um die deutsche Naturwissenschaft, um die deutschen Hochschulen, um die deutschen Kultusverwaltungen, schlecht, beschämend schlecht, erbitternd schlecht, daß es nicht mehr nur zum Weinen sei, sondern zum Auswandern.

Kurt Zimmermann hat es sich nicht verdrießen lassen, ein halbes Jahr darauf zu verwenden, mit einem Kamera-Team den Auswanderern nachzufolgen bis in ihre flutbelichteten Swimmingpools auf den "Sauerkrauthügeln" rings um Pasadena, Berkeley und wo sonst noch die Zitronen blühn im Lande Kalifornien.

Er ließ sich von Rudolf Mössbauer, dem einzigen deutschen Nobelpreisträger der letzten Jahre, sagen: "Ich finde hier die Arbeitsbedingungen, die ich brauche. Ich kann nahezu hundert Prozent meiner Arbeitszeit auf meine Forschung verwenden. Auf einen Professor kommen hier drei bis vier Doktoranden, ich habe derzeit sechs, das ist schon fast zuviel. In München hingegen verwalten fünf bis sieben Professoren siebzehnhundert eingeschriebene Physikstudenten. Die Ausbildung der Studenten in Deutschland ist dementsprechend reduziert in ihrer Qualität. Die Betreuung einer solchen Studentenzahl bedeutet andererseits für die Professoren in Deutschland das Ende jeder eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit."

Dazu kommt, daß wir die 1700 eingeschriebenen Physiker der Universität München bitter nötig haben, jeden einzelnen. Und daß amerikanische Konzerne sich die Mühe machen, eigene Büros in der Bundesrepublik zu unterhalten, die sich das angelegen sein lassen, wozu deutsche Professoren keine Zeit und Gelegenheit haben: Nachwuchsförderung. Auch die Adressen dieser Büros bekamen die Interessierten von Kurt Zimmermann auf den Schirm projiziert.

Flucht von den deutschen Universitäten?

Der mutige Mann vom Hessischen Rundfunk ließ wahrlich kein Fettnäpfchen aus.

Für meinen Geschmack klebte er ein bißchen allzusehr an der Kernphysik, dem teuersten aller naturwissenschaftlichen Fächer und dem "heißesten" dazu: Daß wir hier zehn Jahre zurück sind, das kann man noch einigermaßen glaubhaft als Hitlers Erbe ausgeben.

Zimmermann hatte sich, unter anderem, keines Geringeren als Werner Heisenbergs versichert: Der große alte Mann der deutschen Physik traf einen ganz wunden Punkt – das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland. Tatsächlich ist es eine makabre Wahrheit, daß der Blüte deutscher Wissenschaft in den zwanziger Jahren die Armut deutscher Wirtschaft gegenüberstand, der Blüte deutscher Wirtschaft heute aber die Armut deutscher Wissenschaft.

Was Heisenberg offenließ, ist die Frage, ob nicht die Wirtschaft von heute auf der Wissenschaft von gestern gründet. Damit wären Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland wieder ins rechte Verhältnis gebracht, und wehe der deutschen Wirtschaft von morgen.

Wenn eine Erkenntnis aus den Geschichten von Reaktoren und Zyklotronen dieser Fernseh-Dokumentation entsprang, dann die: das können wir nie mehr einholen.

Aber steht es darum besser mit den weniger teuren, weniger "politischen" Zweigen der Naturwissenschaft in Deutschland?

Zur Beantwortung solcher Fragen leisten wir uns in der Bundesrepublik einen veritablen Minister, der allerdings weniger aus dem Geiste der Physik als aus demjenigen kabinettspolitischer Gesangbucharithmetik geboren ist, zu spät geboren, unbeschadet des guten Willens, den man ihm zugestehen muß.

Flucht von den deutschen Universitäten?

Genügt es schon, daß Minister Lenz, den das Fernsehen natürlich nicht ausgelassen hat, in der Not den Schwarzen Peter zu gleichen Teilen auf den Staat, die Hochschulen und die private Wirtschaft verteilt, also sicherlich gerecht und ziemlich unerschrocken?

Auch der Minister hat die nötigen Vollmachten nicht, noch die nötige Autorität, welche Vollmachten ersetzen könnte, noch die unbeirrbare Unabhängigkeit seines englischen Kollegen, des ehrenwerten Lord Hailsham, der in seinem Buche "Science and Politics" äußert: "Ich will, daß England seiner Vergangenheit wert sei, ohne daß es versucht, die Zeit aufzuhalten. Ein bißchen gesunder Bildersturm ist ebenso wichtig fürs Überleben wie der Respekt vor der Tradition, und ein tiefes Gefühl innerer Unbefriedigung ist nicht das schlechteste Rezept für" – ja, da kommt es wieder, wir haben kein Wort dafür im Deutschen: "EFFICIENCY".

So weit der sehr ehrenwerte Lord, welcher diese Worte einer Naturwissenschaft ins Stammbuch schrieb, die in Europa absolut führend ist – also nicht der deutschen.

Und doch sorgt man sich bei uns um nationale Größe. Man sorgt sich um nicht verliehene Nobelpreise, um nicht angemeldete Patente, um davongeschwommene Nachwuchswissenschaftler – jedoch stets in dem Gefühl, daß nicht sein kann, was nicht sein darf: Auch die Sorge hat keine EFFICIENCY. Mit der Sorge beschleicht Blindheit den greisen Faust, und indes sein Geist über den ewigen Baukasten-Modellen neuer Universitäten schweift, ist er letzten Endes glücklich in dem Bewußtsein, daß die Zahl seiner Adepten Legion ist.

Warum muß der Hessische Rundfunk nach Los Angeles fahren, wenn er sich über deutsche Hochschulen orientieren will? Warum nicht versuchen, die jungen Leute anzusprechen, bevor sie auswandern? Warum nicht einmal mit dem "Massenmedium" unter die Studenten gehen?

Zimmermann hat freilich auch das getan. Er zeigt das Ritual einer Chefvisite in der deutschen Universitäts-Monstreklinik, wo eine Schlange von ... zig Wissenschaftsjüngern, ständisch streng gegliedert, im Gefolge des Sehrmächtigen durchs Haus zieht, die letzten nicht einmal mehr in der Lage, die Worte des Meisters zu vernehmen, geschweige denn, ihn bei seiner Verrichtung am Krankenbett etwa zu beobachten.

"Die Bezeichnung ‚Assistent‘" – so interpretiert Zimmermann die stumme Prozession – "ist übrigens irreführend, denn viele dieser Assistenten sind selber längst Wissenschaftler internationalen Ranges."

Flucht von den deutschen Universitäten?

Wahr ist’s, und es fragt sich nur, wo auf diesem Vexierbild die Ärzte verborgen sind, jene also, welche die Kranken betreuen. Mössbauer, der Physiker, weiß, wieviel Doktoranden er betreuen kann: sechs. Wieviel Kranke kann ein Klinikchef betreuen? Hier mündet die Frage nach dem Stand der deutschen Wissenschaft in ein anderes Problem. Denn die Kranken können nicht auswandern !

Der deutsche "Assistent" ist nicht zufällig eine stumme Figur in diesem Schauspiel. Hinter der Bühne wird er oft sehr gesprächig. Was er da sagt, kann kein Massenmedium sich unters Volk zu bringen trauen.

Man fragt sich erschreckt, wie Menschen in einer derartigen Atmosphäre des Mißtrauens, der Eigensucht, ja des Hasses miteinander wenn schon nicht leben, so doch arbeiten können, nur für dies eine Ziel: irgendwann selber oben zu sein.

Und ich lasse mich davon nicht abbringen: Für mein Gefühl gehen gerade die Besten nicht des Geldes wegen nach drüben, sondern weil sie es nicht ertragen können, in einer solchen Atmosphäre zu arbeiten, welche nur ein Argument kennt: das argumentum ad hominem. Und immer noch ist es wahr, daß der Swimming-pool auf den Sauerkrauthügeln einem nicht Riesling-Trauben, gotische Münster und die Wanderung durchs Karwendel ersetzen kann: deutsche Romantik. Lieber schweigen und hoffen: "Ich habe Frau und Kinder, und keine Lust auszuwandern – aber vielleicht kommt ein anderer, der den Mund auftut ..."

So einer ist Eduard Baumgarten, Professor der Soziologie an der Wirtschaftshochschule Mannheim. In Baumgartens soziologischem Institut erforscht die Hochschule sich selbst und kommt zum gleichen Resultat wie die Emigranten. Der Ordinarius Baumgarten aber reicht den Schwarzen Peter nicht weiter an den Staat, die Wirtschaft, Hitler oder die noch nie so ernste Zeit. Er sagt: "Die Rechtsstellung des deutschen Hochschulprofessors wurde in einer Zeit konstruiert, da ein einzelner Gelehrter mit Recht glauben durfte, er sei König oder gar Herrgott in seinem Fachbereich. Heute ist dies nicht mehr möglich und daher nicht mehr wahr, nicht im Lehrbetrieb und nicht im Forschungsbetrieb. Wer sich heute noch anmaßt, in seinem Fach ein absolutes Wissen zu besitzen, erliegt einem Selbstbetrug. Will er sich nicht selbst betrügen, so müßte er faktische Konsequenzen aus der Situation ziehen. Genau diese Konsequenzen werden in Deutschland nicht gezogen. Man muß die Rechtsstellung der Professoren und Direktoren von Instituten und Kliniken so ändern, daß breite Kompetenzbereiche aus der Machtvollkommenheit des Ordinarius nach unten delegiert werden."

So weit die Rede eines Mannes, der sich die Wissenschaft von der Wissenschaft, also auch von der Hochschule und ihren Bedürfnissen, zur Aufgabe gesetzt hat, der also hier vor dem Fernsehen konkrete Forschungsresultate resümiert.

Wie man einen solchen Schlag, den Baumgarten mit wissenschaftlicher Methode führt, nun mit dem "argumentum ad hominem" pariert, das sei hier als Exempel vorweggenommen: Erstens ist Baumgarten kein Professor einer "Volluniversität" (nomen est omen), sondern "nur" einer Wirtschaftshochschule. Zweitens ist Baumgarten Professor der Soziologie, also eines "pseudowissenschaftlichen Faches". Drittens entzieht sich die deutsche Universität ganz "schlechthin" einer Beurteilung nach soziologischen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Viertens war Baumgarten bis 1945 Inhaber des Kantschen Lehrstuhls in Königsberg, sehr verdächtig. Fünftens ist Baumgarten seit seinem denkwürdigen Referat vor der Rektorenkonferenz in Saarbrücken als enfant terrible der deutschen Hochschule bekannt – kurz: ein verdächtiger Querulant, was bedürfen wir weiter Zeugnis?

Flucht von den deutschen Universitäten?

Wer glaubt, er bedürfe dennoch weiter Zeugnis, dem sei die Sammlung von Baumgartens Vorträgen zu diesem Thema empfohlen, die jüngst unter dem Titel "Zustand und Zukunft der Deutschen Universität" bei Mohr erschienen ist; keine leichte, keine erschöpfende Behandlung des Problems; aber da ist jener "profound sense of dissatisfaction coupled with creative ability", der das Panier des ehrenwerten Lord Hailsham ziert und den deutschen Hochschulen so sehr abgeht.

Von außen kann der Hochschule nur eine drastische Steigerung des öffentlichen Interesses helfen. Es ist zu wünschen, daß es nicht bei diesem ersten Fernsehversuch bleibt. Nur so kann es zu jener Demokratisierung der Hochschule kommen, welche offenbar der Wissenschaft von heute einzig adäquat ist. Die "Einsamkeit und Freiheit" Humboldts muß zur Gemeinsamkeit und Freiheit werden. Erst dann wird die deutsche Akademie wieder Stil haben und die deutsche Wissenschaft wieder Rang.