Wahr ist’s, und es fragt sich nur, wo auf diesem Vexierbild die Ärzte verborgen sind, jene also, welche die Kranken betreuen. Mössbauer, der Physiker, weiß, wieviel Doktoranden er betreuen kann: sechs. Wieviel Kranke kann ein Klinikchef betreuen? Hier mündet die Frage nach dem Stand der deutschen Wissenschaft in ein anderes Problem. Denn die Kranken können nicht auswandern !

Der deutsche "Assistent" ist nicht zufällig eine stumme Figur in diesem Schauspiel. Hinter der Bühne wird er oft sehr gesprächig. Was er da sagt, kann kein Massenmedium sich unters Volk zu bringen trauen.

Man fragt sich erschreckt, wie Menschen in einer derartigen Atmosphäre des Mißtrauens, der Eigensucht, ja des Hasses miteinander wenn schon nicht leben, so doch arbeiten können, nur für dies eine Ziel: irgendwann selber oben zu sein.

Und ich lasse mich davon nicht abbringen: Für mein Gefühl gehen gerade die Besten nicht des Geldes wegen nach drüben, sondern weil sie es nicht ertragen können, in einer solchen Atmosphäre zu arbeiten, welche nur ein Argument kennt: das argumentum ad hominem. Und immer noch ist es wahr, daß der Swimming-pool auf den Sauerkrauthügeln einem nicht Riesling-Trauben, gotische Münster und die Wanderung durchs Karwendel ersetzen kann: deutsche Romantik. Lieber schweigen und hoffen: "Ich habe Frau und Kinder, und keine Lust auszuwandern – aber vielleicht kommt ein anderer, der den Mund auftut ..."

So einer ist Eduard Baumgarten, Professor der Soziologie an der Wirtschaftshochschule Mannheim. In Baumgartens soziologischem Institut erforscht die Hochschule sich selbst und kommt zum gleichen Resultat wie die Emigranten. Der Ordinarius Baumgarten aber reicht den Schwarzen Peter nicht weiter an den Staat, die Wirtschaft, Hitler oder die noch nie so ernste Zeit. Er sagt: "Die Rechtsstellung des deutschen Hochschulprofessors wurde in einer Zeit konstruiert, da ein einzelner Gelehrter mit Recht glauben durfte, er sei König oder gar Herrgott in seinem Fachbereich. Heute ist dies nicht mehr möglich und daher nicht mehr wahr, nicht im Lehrbetrieb und nicht im Forschungsbetrieb. Wer sich heute noch anmaßt, in seinem Fach ein absolutes Wissen zu besitzen, erliegt einem Selbstbetrug. Will er sich nicht selbst betrügen, so müßte er faktische Konsequenzen aus der Situation ziehen. Genau diese Konsequenzen werden in Deutschland nicht gezogen. Man muß die Rechtsstellung der Professoren und Direktoren von Instituten und Kliniken so ändern, daß breite Kompetenzbereiche aus der Machtvollkommenheit des Ordinarius nach unten delegiert werden."

So weit die Rede eines Mannes, der sich die Wissenschaft von der Wissenschaft, also auch von der Hochschule und ihren Bedürfnissen, zur Aufgabe gesetzt hat, der also hier vor dem Fernsehen konkrete Forschungsresultate resümiert.

Wie man einen solchen Schlag, den Baumgarten mit wissenschaftlicher Methode führt, nun mit dem "argumentum ad hominem" pariert, das sei hier als Exempel vorweggenommen: Erstens ist Baumgarten kein Professor einer "Volluniversität" (nomen est omen), sondern "nur" einer Wirtschaftshochschule. Zweitens ist Baumgarten Professor der Soziologie, also eines "pseudowissenschaftlichen Faches". Drittens entzieht sich die deutsche Universität ganz "schlechthin" einer Beurteilung nach soziologischen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Viertens war Baumgarten bis 1945 Inhaber des Kantschen Lehrstuhls in Königsberg, sehr verdächtig. Fünftens ist Baumgarten seit seinem denkwürdigen Referat vor der Rektorenkonferenz in Saarbrücken als enfant terrible der deutschen Hochschule bekannt – kurz: ein verdächtiger Querulant, was bedürfen wir weiter Zeugnis?