Von Heinz Maegerlein

Was waren diese „vorolympischen Wettkämpfer, wie die japanischen Organisatoren diesen größten Sportfest aller Zeiten noch vor vier Wochen selbst nannten, ehe sie, eindringlich vom IOC dazu angehalten, diese Sporttage in „Internationale Sportwoche Tokio 1963“ umbenannten? War diese Sportwoche mit der Eröffnungszeremonie, die bis in alle Einzelheiten jener der Spiele selbst glich, eine Mißachtung oder zumindest eine Vorwegnahme des Olympischen Spiels 1964? War es einfach eine in einzelnen Sportarten recht gut, in anderen wiederum nur sehr bescheiden besetzte internationale Sportveranstaltung, wie sie im Kreis des Jahres dutzendfach in allen fünf Erdteilen seit da und je stattfindet? Oder war es gar nur eine rein kommerziell aufgezogene Schau einer großen japanischen Fernsehgesellschaft, die sich diese Tage viel hatte kosten lassen? Oder war sie nichts anderes als eine freilich imponierende, bis ins letzte Detail die Möglichkeiten und die Schwächen der Organisation prüfende Probe für 1964?

Diese „Internationale Sportwoche Tokio 1963“ war dies alles zugleich. Man wird sie loben und verdammen müssen, oft genug im gleichen Atemzug, und es wird im Urteil mehr als bei ähnlichen Gelegenheiten auf den eigenen Standort ankommen. Ist man Japaner und hatte man den Auftrag, genau ein Jahr vor den Olympischen Spielen zu überprüfen, wo die Vorbereitungen gut und wo sie weniger gut gediehen waren, dann muß man uneingeschränkt loben. Sie war wirklich ein grandioser Test, aus dem die Organisatoren mit Sicherheit viel gelernt haben. Das war zum Beispiel aus der Wandlung ihres Auftretens uns europäischen Besuchern gegenüber in diesen Tagenzu ersehen. Schaute man anfangs finster drein, wenn wir höflich dieses oder jenes kritisierten, beispielsweise die uns unbegreifliche Starrheit, mit der man auch an offensichtlich falschen Planungen oder an einem ins Immense gesteigerten Bürokratismus festhielt – und uns damit die Arbeit gewaltig erschwerte! –, so schwand diese Starrheit von Tag zu Tag mehr und machte am Ende einer größeren Beweglichkeit und Anpassung an Gegebenheiten Platz. Zunächst verschlossen die Organisatoren die Augen vor vielen Realitäten, etwa nach der Devise, „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“. Sie brachten uns zur Verzweiflung, wenn beispielsweise kein Ersatzmann starten sollte, nur weil ein anderer Sportler ursprünglich einmal gemeldet war. Auch das Argument, daß dann der Sportler die Reise von Europa nach Japan völlig umsonst angetreten hatte, rührte sie nicht. Er stand nicht in ihrer Liste – damit existierte er für sie nicht! Oder: man durfte, obwohl von 100 Reporterplätzen 80 leer standen, sich nicht auf den günstigeren Platz Nr. 32 setzen, nur weil die Pressekarte auf Nr. 6 lautete. Oder: man mußte eine Leitung bestellen, obwohl vom Mikrophon bis zum Magnetephon nur ein Kabel von fünf Meter Länge von einem Raum in den Nachbarraum ging. Diese Starrheit läßt auch verstehen, warum die Eröffnungsfeier kein Detail der olympischen ausließ, warum auch diesmal 5000 Brieftauben aufflogen, warum man eine andere als die Olympische Fahne ins Stadion hereintrug, warum man Takashi Ono einen Eid – natürlich, nicht den Olympischen – sprechen ließ: es ist einfach undenkbar für die Japaner, zu proben, und dabei irgend etwas anders, etwa einfacher zu machen als es im kommenden Jahr sein wird. Aber – als wir schon zu resignieren begannen, lockerte sich plötzlich diese Starrheit, der Ersatzmann durfte starten, der Sitzplatz durfte gewechselt werden und es waren durchweg statt fünf Formulare nur noch zwei oder drei auszufüllen.

Ist man Europäer, so mußte man notwendigerweise eben manches, hier und da sogar vieles an dieser Sportwoche aussetzen. Aber es war auch für uns ein Vortest, ein interessanter, über vieles Aufschluß gebender. Freilich blieb noch immer genug, was uns befremdete, und uns von Tag zu Tag mehr die Wahrheit eines Satzes erkennen ließ, mit dem uns ein Japankenner vor drei Wochen beim Abflug in Frankfurt verabschiedet hatte: „In Japan ist alles anders.“ Es war wirklich alles anders, auch wenn wir in vielem mit falschen Vorstellungen hierhergekommen waren. Es ist zum Beispiel nicht wahr, daß der Verkehr in Tokio „gigantische Ausmaße“ hat. Er ist nicht gewaltiger als in Paris oder London und übertrifft kaum den Verkehr in unseren größten Städten. Aber man fährt in Tokio einfach so undiszipliniert, und die Straßen sind so schlecht, daß lange Stauungen auch dann zustande kommen, wenn es von der Verkehrsdichte her gar nicht nötig wäre. Und nicht die Anzahl der Autos macht jede Taxifahrt zu einem kleinen Abenteuer, sondern das Spiel mit der Gefahr, das die Fahrer lieben, das messerscharfe Aneinander vorbeifahren, auch wenn meterweise Platz ist, das Bremsen grundsätzlich erst im allerletzten Augenblick, das Eingehen des höchsten Risikos, wenn zwei Autos frontal aufeinanderzufahren: es gewinnt, wer am frechsten fährt!

Und weil das so ist, standen die Japaner auch im Sport dieser Tage bisweilen verständnislos vor der kühlen Renntaktik, mit der ihre europäischen Gegner in so manches Rennen gingen. Was wären beispielsweise die Rennen der Leichtathletik über 1500 m, 5000 m, 10 000 m. und der Marathonlauf ohne die häufigen, oft taktisch völlig falschen, die Kräfte vorzeitig verbrauchenden ständigen Vorstöße der Japaner gewesen? Langweilige Rennen eiskalt die Taktik beherrschender Sportstars! Nun erst begreift man auch so recht warum die japanischen Turner niemals so sicher turnen werden wie ihre großen sowjetischen Gegner: sie müssen, das entspricht einfach ihrer Mentalität, immer alles wagen. Glückt es, so siegen sie überlegen, mißlingt etwas, dann können sie mit ebenso großem Abstand geschlagen werden.

Ihr Kampfgeist, ihre völlige Hingabe an den Kampf ist beispiellos. Nie zuvor sahen wir so viele Läufer hinter dem Ziel zusammenbrechen wie hier. Nichts gilt für sie neben dem Kampf, und alle Japaner zollen dieser Einstellung höchste Anerkennung. Wohlgemerkt alle, auch jene, die nichts mit dem Sport zu tun haben, Professoren beispielsweise, Politiker und Künstler. Große Sportleistungen verankern sich tief im Bewußtsein des ganzen Volkes. Wenn die Japaner wüßten, wie es damit bei uns steht, wo doch große Sportler oft für Narren gehalten werden, sie würden verständnislos vor dieser Mißachtung der sportlichen Leistung stehen.

Weil die Leistung hier so stark anerkannt wird, war es vielleicht doch gut, daß so viele deutsche Sportler an diesen Kämpfen teilgenommen haben, wenngleich nicht geleugnet werden soll, daß es uns bisweilen ein wenig peinlich war, wenn da deutsche Athleten billige Siege errangen, etwa, wie im Kugelstoßen oder im Diskuswerfen, gegen körperlich weit unterlegene Gegner und bei dem Fehlen jedweder Konkurrenz aus großen Sportländern. Überschätzen wir die Siege nicht – nicht einmal jene, die, wie im Schwimmen, Weltrekorde oder zumindest glanzvolle Leistungen brachten. Denn hier fehlten die beiden führenden Schwimmnationen der Welt, die USA und Australien, und ohne deren Schwimmer wird 1964 keine Medaille vergeben werden. In der Leichtathletik fehlte bis auf John Pennel, den Weltrekordler im Stabhochsprung, die gesamte amerikanische Elite, und auch die Sowjetunion hatte bei den Männern beileibe nicht ihre gesamte erste Garde entsandt. In anderen Sportarten war die Situation immer ähnlich: fast überall fehlten die Gegner, auf die deutsche Sportler im nächsten Jahr treffen werden. Nur wenn wir daran denken, werden wir die zahlreichen deutschen Erfolge in diesen Tagen richtig einschätzen.

„In Japan ist alles anders.“ Jetzt, da wir nach den drei Wochen wieder Abschied nahmen, werden wir daran denken: wie demütig sich die japanischen Leichtathletinnen vor den männlichen Kampfrichtern verneigten, weil sie es zu schätzen wußten, daß sich die Herren der Schöpfung herabließen, ihre Wurf- oder Sprungweiten zu messen. Oder – wie bescheiden die Protokollführerinnen hinter den Kampfrichtern einhertrippelten und sich tief verneigten, wann immer sie einer der Kampfrichter ansprach. Oder – wie umständlich das Zeremoniell bei allen Anlässen war. Oder – wie lange es dauerte, bis man bei einem Gespräch zum eigentlichen Thema kam. Man sollte unsere Athleten auf dieses und so vieles andere vorbereiten, ehe der Flug über 20 000 km im Oktober 1964 angetreten werden wird...