Der Georg-Büchner-Preis, verliehen von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, dotiert mit 10 000 DM, ist von den vielen deutschen Literaturpreisen, die alljährlich ihre Dichter finden – hundert und mehr sind gezählt worden –, einer der wenigen, die sich ihr Prestige im Lauf der Jahre nicht verscherzt haben. Ein Grund dürfte darin zu suchen sein, daß die Darmstädter Akademie immer mehr Wert auf die literarischen Qualifikationen ihrer Preisträger gelegt hat als auf bequeme Opportunitäten, daß sie bereit war, Kritik in Kauf zu nehmen – und Festredner, die der Versuchung widerstanden, zur Feier des Tages mit zufriedenen Freundlichkeiten aufzuwarten. An Kritik hat es in diesem Jahr nicht gefehlt, als bekannt wurde, daß die Wahl auf Hans Magnus Enzensberger (mit vierunddreißig Jahren der bisher jüngste Büchner-Preisträger – aber Georg Büchner starb mit dreiundzwanzig) gefallen sei, einen Dichter, der nicht bei seinen Silben und Metaphern geblieben ist und darum Feinde hat; und seine Dank- und Festrede, am 19. Oktober in Darmstadt gehalten, ist eine der ungemütlichsten, die bei diesen Anlässen bisher gehört wurden. Wir drucken sie hier in ihrem vollen Wortlaut (die kursiven Stellen sind Büchner-Zitate). Sie stellt sich der Frage, die, von zahllosen Phrasen zugedeckt und beschwichtigt, doch die dringendste, beunruhigendste Frage aller bleibt, in deren Pässen die Staatsangehörigkeit „deutsch“ vermerkt ist.

Was haben wir zu feiern? An Georg Büchners hundertfünfzigstem Geburtstag wird, wer die Wahrheit sagt, im hessischen Lande nicht mehr gehenkt. Dieser oder jener Liberale darf seine Gedanken drucken lassen. Ein großer Teil Deutschlands ist imstande, seine Kartoffeln zu schmälzen. Das ist gut. Das ist vortrefflich. Doch zu feiern haben wir nichts.

Wir nämlich wissen kaum, was das heißen soll: Wir. Kaum ein Wort geht leichter über die Zunge, kaum eins wirft längere Schatten. Wir: das läßt sich zwar freundlich und gesellig an. Wir, zum ersten, das sind die Gäste, die eine hohe Akademie sich ins Haus geladen hat; wir, zum zweiten, das schließt die Leute ein, die vor diesem Haus vorbeigehen und denen es vielleicht ganz gleichgültig ist, was hier verhandelt wird, davon sie nichts wissen und auch nichts wissen wollen; wir, zum dritten, sind in Hessen; wir, zum vierten, in der Bundesrepublik; wir, zum fünften, sind in Deutschland.

Da hat die Unbefangenheit ein Ende; denn die erste Person Plural, die unsre, hat viele Namen. Mit der Frage nach dem Namen beginnt aber jedes Gespräch, gleichgültig ob im Urwald oder auf dem Parkett. Wenn die erste Frage heißt: Wer bist du? – so will die zweite wissen: Was bist du für einer? Darauf haben wir keine Antwort, nur, Antworten. Sie heißen: Ich bin Bundes-, West-, Ost-, Mitteldeutscher. Ich bin sogenannter deutscher demokratischer, ich bin Bundesrepublikaner; Bürger gewisser Märkte, gewisser Pakte; Einwohner der oder jener Blöcke, Satelliten oder Zonen. Auch Gesamtdeutsche soll es geben, dem Vernehmen nach. All diese Namen haben eines gemeinsam: Der Geist der Sprache widersetzt sich ihnen. Sie sind nicht glaubwürdig. Sie sind gespenstisch.

Und zwar sind sie gespenstisch, weil sie etwas Gespenstisches bedeuten. In meinem Paß lese ich: Staatsangehörigkeit: deutsch. Aber der Staat, dem ich angehöre, ist nicht Deutschland. „Deutschland“, so schrieb vor hundertundsechzig Jahren Hegel, „ist kein Staat mehr.“ Dagegen gibt es zwei Staaten, die sich deutsch nennen und für deutsch halten.

Ich rekapituliere: wir gehören zwei Teilen eines Ganzen an, das nicht existiert; zwei Teilen, von denen jeder leugnet, Teil zu sein, und jeder auftritt im Namen des Ganzen und als wäre er ganz. Das Ganze, nicht mehr vorhanden, ist somit zugleich halbiert und gedoppelt. Dieser Zustand gilt zugleich als vorläufig und als definitiv: das Provisorium ist unantastbar. Jeder Teil spricht dem andern Existenz oder Existenzberechtigung ab. Beide Teile sind sich in allen Punkten uneinig, außer in einem: daß es darauf ankomme, einander in allen Punkten zu widersprechen. Unter diesen Umständen ist es offizielle Sprachregelung und Hochverrat zugleich, „wir“ zu sagen: Das Wort hat zwei Bedeutungen angenommen, die sich bedingen und einander ausschließen.

Mit der ersten Person Plural hat es also folgende Bewandtnis: Wer in Deutschland wir sagt, liefert sich einer Serie von Aporien aus; er sieht sich von Widersprüchen in die Zange genommen, die der Vernunft spotten. Sie sind absurd, aber real. Und zwar real in einem radikalen Sinn; denn das sind nicht bloß ökonomische und ideologische, es sind nicht einmal bloß politische Aporien, sondern Aporien der Identität. Das heißt aber: sie lassen sich auf keine Weise an Ideologen, Wirtschaftsexperten oder Politiker delegieren. Der Frage nach der eigenen Identität kann sich niemand entziehen. Sie ist die Frage nach dem Selbstverständlichen; nach dem, was sich von selbst versteht, und zugleich nach dem, kraft dessen man sich selber versteht; mithin eine radikale Frage; eine, die man weder ignorieren noch offenlassen kann. Seine Identität kann man nicht wählen und nicht „bewältigen“; man kann sich ihrer nicht entledigen, man kann aus ihr nicht auswandern; man kann sie nicht einmal verraten, höchstens verleugnen und unterschlagen. Jeder kennt den Wunschtraum, sich von ihr zu befreien, und jeder weiß, daß er im Alptraum endet. Nur den Irren und den Toten erfüllt er sich ganz.