Bilanz zwölf Monate nach Kuba

Von Marion Gräfin Dönhoff

Ein Jahr ist es her, seit das Stichwort „Kuba“ uns in tödliches Erschrecken versetzte und die ganze Welt wie gelähmt den Atem anhielt Ein Jahr – also keine Zeitspanne; die im Buch der Geschichte zählt; kaum, daß inzwischen eine Seite umgeschlagen wurde. Und doch hat sich die politische Landschaft seither höchst erstaunlich verändert, so daß die Frage sich aufdrängt: Was eigentlich ist in Kuba geschehen, und welche Veränderungen, die in der letzten Zeit deutlich geworden sind, lassen sich auf dieses Ereignis zurückführen?

Kuba war für die Amerikaner die Entdeckung, daß die Russen vor ihrer Haustür heimlich strategische Kernwaffenträger aufgebaut hatten, die sehr wohl geeignet gewesen wären, das weltpolitische Kräfteverhältnis ganz entscheidend zu verändern. Während ein Drittel des strategischen Bomberkommandos der USA ständig in der Luft patrouillierte, um jede feindliche Bedrohung sofort abzuwehren, hatten die Tausende von Seemeilen entfernten Sowjets es fertiggebracht, 150 Kilometer vor der nordamerikanischen Küste unbemerkt einen Raketenstützpunkt aufzubauen.

Die Amerikaner waren zutiefst erschrocken. Aber genau wie Ribbentrop sich 1939 in der Vitalität und dem Kampfeswillen der Engländer geirrt hatte, die er für degenerierte Kapitalisten hielt, so irrten sich die Sowjets 1962 im Widerstandswillen der USA. Die Amerikaner ließen sich nicht erpressen. Sie waren nicht bereit, klein beizugeben, um unter allen Umständen den Frieden zu erhalten. Sie reagierten ganz rasch, sehr kühl und fest entschlossen. Sie taten dies, obgleich der Weltfrieden an einem Haar hing. So wurden die Russen gezwungen, eigenhändig das Werk wieder abzutragen, das sie gerade errichtet hatten, und ihre Raketen wieder zurückzuführen.

Und die Folgen von Kuba? Dreierlei Wirkungen hatte die Krise:

1. Die Erkenntnis brach sich Bahn, daß im atomaren Zeitalter Kraftproben, die entscheidende Machtverschiebungen herbeiführen könnten, nicht möglich sind. Zwar hatte sich längst gezeigt, daß im Ringen der letzten eineinhalb Jahrzehnte von beiden Seiten nicht mehr hatte erreicht werden können, als daß die ursprüngliche Demarkationslinie immer wieder bestätigt wurde: Als die Kommunisten den 38. Breitengrad in Korea überschritten hatten, begann ein Krieg – und zwar kein Grenzkonflikt, sondern ein lokalisierter Weltkrieg –, der erst eingestellt wurde, als die Kommunisten wieder über den 38. Breitengrad zurückgedrängt waren; und die unsichtbare Trennungslinie, die quer über den Potsdamer Platz in Berlin lief, wurde in eine undurchdringliche Mauer verwandelt, ohne daß der Westen dagegen etwas unternehmen konnte. Kuba hat die Erkenntnis, daß keine Seite Machtverschiebungen zuläßt, noch einmal, wie in einem letzten Beweis, dokumentiert.